Norwegen
- Der Norden -
13. Juni - 4. Juli 1998

Kilometer um Kilometer...

Na, das fing ja gut an. Die Nacht vor der Abreise nach Norwegen hatte es pausenlos geregnet. Kurz nach 5 Uhr morgens fuhren wir mit unserem Wohnmobil über Berlin nach Rostock. Hinter Dresden wurde es wettermäßig immer besser, die Sonne schien, es war windig bei 14 °C. Wir waren bekleidungsmäßig jedoch auf das Wetter, das für den Norden üblich ist, eingestellt. Gegen halb 11 Uhr waren wir in Warnmünde - aber die Überseefähren fahren schon seit Ewigkeiten nicht mehr von hier ab... So ist das mit guten Ratschlägen... Also die ganze Strecke nach Rostock zurück und auf der Autobahn zum Überseehafen, wo wir kurz vor 12 Uhr ankamen. Da ich noch nicht wußte, ob wir aufgrund meines Urlaubes überhaupt nach Norwegen fahren könnten, hatten wir keine Fähre nach Trelleborg reserviert. Bei "Scandlines/Hansa Feries" fragten wir nach - und erhielten sogar für 15.15 Uhr einen Platz. Die Rückfahrt reservierten wir gleich mit, da dann Saison ist und die Fähren bekanntlich sehr voll sind.
Mit einer halben Stunde Verspätung legte die schwedische Fähre "Götaland" in Richtung Schweden ab. Für die 152 km benötigte sie 6 Stunden. Kurz vor 21 Uhr hatten wir es geschafft. Da sich Bertram auf der Fähre vom Fahren erholen konnte, beschloß er, gleich noch ein Stück zurückzulegen; es war auch noch nicht dunkel. Bis kurz vor Ljungby fuhren wir auf der E4; einer Straße mit breiten Seitenstreifen, die sich zum Überholen eignen. Dabei zeigt man an, daß man überholen möchte, und der vordere weicht halb auf den Seitenstreifen aus. Mitunter benötigt man beim Überholen nicht einmal die Gegenfahrbahn. Gegen 23.30 Uhr, es war nun schon dunkel, übernachteten wir auf einem Autobahnrastplatz. Wir haben bis hierher 696 km zurückgelegt. Am Horizont nach Norden war ein schmaler Lichtstreifen zu sehen: das Licht der Sonne. Noch 10 Breitengrade, aber viele Kilometer, bis zum Polarkreis.
Am nächsten Morgen war es herrlich sonnig, fast wolkenlos, aber nur 4 °C Außentemperatur. Allerdings nur bei unserer Abfahrt in Richtung Stockholm um 5.40 Uhr. Wir hatten 1.343 km vor uns, bis wir unser Tagesziel, Piteå, gegen 23.30 Uhr erreichten. Wir schafften eine solch große Strecke nur, weil wir beide gefahren sind. Die meiste Strecke war sowieso Autobahn. Da konnte ich mich auf dem VW-Bus, auf dem ich noch nie gefahren bin, einfahren. Es war gar nicht so leicht, aber es macht Spaß, wenn man das Auto beherrscht; allerdings sind Stadtfahrten tabu, da ich noch nicht so gut bin. Das Wetter war durchweg wolkenlos und die Temperatur stieg bis auf 20 °C. Das russische Hoch läßt grüßen. In Piteå hatten wir zwar noch keine Mitternachtssonne, aber es war so hell wie bei uns an einem Sommermorgen gegen 8 Uhr. Wir waren noch nicht müde. Man sagt, wenn es 24 Stunden am Tag hell ist, braucht man nicht so viel Schlaf. Aber man kann schlafen, trotz Helligkeit!
Schon gegen 7.30 Uhr ging es weiter. Es war leicht bewölkt, sonnig und 10 °C; später um 18 °C. Am Vormittag passierten wir bei Haparanda die Grenze zu Finnland. Da hier die Uhren eine Stunde vorgehen, war es bereits 10 Uhr (9 Uhr MESZ). Den Polarkreis erreichten wir gegen Mittag in der Hauptstadt Lapplands, Rovaniemi. Hier legten wir unsere Mittagspause ein. Es war viel Rummel. Auch der Polarkreis, als weißer Strich gemalt, wird touristisch vermarktet. Überall dudelte Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern. Hier befindet sich nämlich das Weihnachtsmanndorf "Ioulupkin Pajakylä", wo man im Sommer schon die Karten schreiben kann, die pünktlich am Weihnachtstag zu Hause eintreffen sollen. Eine Tafel verrät: Kinder aus aller Welt geben hier ihre Wünsche an den Weihnachtsmann ab. Lappland wurde schon 1972 per Parlamentsbeschluß zum Weihnachtsmannland erklärt.
Nach einem kurzen Päuschen zum Schlafen setzten wir unsere Fahrt in Richtung Inarisee (Inarijärvi) fort. Wir konnten die ersten Rentiere beobachten, die öfter die Straße querten, sahen die Tundra, wie wir sie bisher nur aus dem Erdkundeunterricht kennen, und ... Schnee. Der Winter ist erst seit wenigen Wochen vorbei. Gegen 21 Uhr unternahmen wir eine kleine Wanderung auf einen Aussichtspunkt über den größten finnischen See. Der Weg war nur 1 km lang, aber mit ständiger 20 %iger Steigung. Das schaffte uns ganz schön. Aber der Ausblick auf den Inarisee mit seinen vielen Inseln war einmalig. Und die Sonne stand noch hoch am Himmel!
Bei Kaamanen entschlossen wir uns, die landschaftlich schöne Straße 971 am Inarisee entlang in Richtung Norwegen zu fahren. Diese Straße war bis vor zwei Jahren noch Schotterpiste. Nach 686 gefahrenen Kilometern übernachteten wir am See auf einem kleinen Parkplatz. Um halb 1 Uhr morgens hatten wir noch herrlichsten Sonnenschein. Hier bleibt die Sonne 2 - 3 ° über dem Horizont stehen. Es war ein schönes Gefühl, da wir ja die Mitternachtssonne noch nicht kannten. Es war so hell wie bei uns ein paar Stunden vor Sonnenuntergang.
Die Strecke war wirklich sehr schön, rechts und links von der Straße immer wieder Mini-Seen, so daß man gar nicht wußte, ob man sich nun auf einer Insel oder dem Festland befindet. Bei stark bewölktem Himmel, nur 12 °C und sehr kaltem Wind passierten wir ca. 11 Uhr MESZ am nächsten Tag die Grenze zum Nicht-EU-Staat Norwegen - ohne Kontrolle.

Die Finnmark

Neiden war der erste Ort, den wir erreichten. Er liegt an der Europastraße E6, die von Oslo bis Kirkenes reicht. Hier gibt es die St. Georgskapell, eine griechisch-orthodoxe Kapelle aus der 2. Hälfte des 16. Jh. Sie ist nur 3,5 x 3,25 m groß und 2,05 m hoch, das älteste Gebäude in Finnmark und soll von dem Hl. Trifon erbaut worden sein. Leider konnten wir die Kapelle nicht besichtigen, denn die Norweger wollen dafür Geld sehen. Ein Mann fragte uns, ob wir sie ansehen wollen. Auf unser "Ja." sagte er, es würde 10 Norwegische Kronen (NOK) kosten. Wir antworteten, daß wir gerade erst aus Finnland kämen und gar kein norwegisches Geld hätten. Ein Achselzucken und "Dann tut es mir leid." - und weg war er. Hier wußten wir noch nicht, daß fast alle Kirchen, an denen wir vorbeikamen, entweder geschlossen oder nur gegen einen Obolus zu besichtigen waren. Dafür sahen wir danach die Neidener Stabkirche wenigstens von außen. Stabkirchen sind immer ausschließlich aus Holz und stammen aus dem 11. - 16. Jh. Die Stabkirche ist an einem stav oder bis zu 20 staver, senkrecht stehenden Masten (Stäben, Ständern), aufgehängt. Die meisten dieser Kirchen findet man in Südnorwegen.
Bei Tana Bru bogen wir von der E6 ab, um die

Varanger-Halbinsel (Varangerhalvøya)

zu erkunden. Auf der Straße 890 fuhren wir in Richtung Norden. Am Schwemmsanddelta der Tana legten wir bei Høyholmen eine Mittagspause ein. Hier wehte der Wind so stark, daß ich das Stativ zum Filmen kaum gerade halten konnte. Auf der Weiterfahrt auf der zwischen November und Mai gesperrten Straße kamen wir immer höher und durch tiefsten Winter - teilweise lag der Schnee neben der Straße bis zu 2 Meter hoch - und es herrschte ein eisiger Nordwind. Die Landschaft erinnerte bald an die innerisländische Geröllwüste: hoher Norden pur. Ganz selten ein Auto, dann und wann halbwilde Rentiere, kein Mensch. Das Wetter war eigentlich so, wie man sich den Norden vorstellt; trotz Mitternachtssonne läßt sich die Sonne tagsüber nicht sehen. Eine 28 km lange Feldstraße führte uns in das Samendorf Nordfjord. Hier beschlossen wir (nach 356 km) zu übernachten. Nun begann es auch noch zu regnen. Na, wir waren zwar auf solches Wetter eingestellt, aber es konnte nur noch besser werden.
Die ganze Nacht regnete es. Auch am nächsten Morgen, bei 4 °C, als wir gegen 6.15 Uhr weiterfuhren; dazu Sturm mit eisigem Wind. Wenn es den Golfstrom nicht gäbe, wäre Nord-Europa ein zweites Grönland. Zunächst fuhren wir die 28 km wieder zurück und dann noch zwei bis Båtsfjord. Wir hielten uns bei dem ungemütlichen Wetter nicht lange auf, sondern legten 33 km bis zur Wegkreuzung und dann noch einmal 60 km bis zu dem nördlichsten Ort der Halbinsel selbst, Berlevåg, zurück. Früher mußten bei Nordsturm die Hurtigruten oft vorbeifahren. Heute wird der Ort durch Tausende von Tetrapoden geschützt, die den starken Wellengang abhalten. Wir sahen die Bucht von Sandfjorden und den Leuchtturm von Kjølnes. Auch hier verweilten wir aufgrund des eisigen Windes nicht sehr lange. Bis Tana Bru zurück waren es 135 km. Dabei wehte ein orkanartiger Sturm aus Ost, der sogar Bertram bei einem Stop fast weggeweht hätte. Dann führte uns die E6 auf der anderen Seite des Tanafjorden bis Ifjord weiter. Nächstes Ziel war die

Nordkinn-Halbinsel (Nordkinnhalvøya).

Auch hier gab es nur eine einzige Straße - von Dezember bis Mai gesperrt -, die wir rauf und am nächsten Tag auch wieder runter mußten. Wir fuhren durch Sturm und Regen - und Schnee. Weite Flächen waren weiß. An manchen Stellen standen die Motorschlitten (Skooter), einziges Fortbewegungsmittel im langen Winter. Gäbe es nicht die 300 m breite Landverbindung zwischen Eidsfjord und Hopsfjord, wäre das Nordkinn eine Insel.
Und so wurde aus der Insel Nordkinn irgendwann eine Halbinsel. Wir übernachteten nach 485 km bei Slettnes. Hier steht der nördlichste Festlandsleuchtturm der Welt.
Das Thermometer zeigte 2 °C, als wir um 6.15 Uhr am nächsten Morgen aufbrachen. Wenn das Wetter es zugelassen hätte, könnten wir eine Fußtour zum nördlichsten Festlandspunkt Europas (71° 8,1') machen. Aber bei Matsch durch's Moor, das ist wohl nichts. Auf der Rückfahrt nach Ifjord hatten wir sowohl Sturm und Nieselregen als auch Schnee. Nicht nur auf den Feldern. Ja, es schneite. Und das auf einer Höhe von weniger als 300 m. Während wir uns vorsichtig auf der glatten Straße bewegten, kamen die Einheimischen an uns vorbeigebrettert. Unter anderem auch der Nordnorwegenbus, eine Art Übersee-ROTEL, halb Bus, halb Gepäckabteil, nur in Gelb mit roten Streifen.
Und dann passierte es: durch die Schlaglochpiste fuhren wir uns den rechten hinteren Reifen kaputt. Und keiner der angeblich so freundlichen Norweger hielt an, um uns zu helfen.
Wieder auf dem Festland ignorierten wir den Abzweig zum Nordkap, weil man erstens 150 km hin und wieder zurückfahren, zweitens 150 NOK Aufenthaltsgebühr pro Person zahlen mußte, drittens dort zuviel Touristenrummel herrscht und viertens man die Mitternachtssonne - falls sie scheint - auch anderswo herrlich beobachten kann. Außerdem ist das vielgerühmte Nordkap mit 71° 10' 21" nicht einmal der nördlichste Punkt. Der liegt bei 71°11'08" auf derselben Insel ein paar Kilometer westlicher und heißt Knivskjellodden, ist aber nur zu Fuß zu erreichen und touristisch nicht so attraktiv. Aufgrund des schlechten Wetters hat sich die Mitternachtssonne sicherlich sowieso hinter bestimmt kilometerdicken Wolken versteckt.
Selbst die seit 1789 nördlichste Stadt der Welt, Hammerfest (liegt etwa auf der gleichen Höhe wie die Nordküste Alaskas), erlebten wir bei strömendem Regen. Hier wurde 1816-52 von norwegischen, schwedischen und russischen Geodäten die erste exakte Vermessung der Erde durchgeführt und bei dieser Gelegenheit auch Größe und Form der Erde erstmals genau bestimmt. Zur Erinnerung daran wurde die Meridiansäule aufgestellt. Bei einer Nachvermessung mit Satellit stellte man vor einigen Jahren fest, daß sich die Landvermesser im vorigen Jahrhundert um einige Meter geirrt hatten. Deshalb ist das ursprüngliche Fundament ein paar Meter von dem jetzigen Aufstellungsort entfernt zu sehen. Bald verließen wir die Insel Kvaløy, auf der Hammerfest liegt, und begaben uns in Richtung Alta. Kurz vor der Stadt übernachteten wir auf dem Campingplatz "Solvanger", da ich mal Haare waschen und duschen wollte. Es regnete immer noch und auch nachts hörte es nicht auf. 550 km hatten wir bis dahin zurückgelegt.

Auch am nächsten Morgen regnete es weiter. Gegen 8 Uhr verließen wir den Campingplatz bei 5 °C. Alta ist mit fast 15.000 Einwohnern größter Ort Finnmarks. Hier hat man Funde der ältesten norwegischen Kultur gemacht; es haben hier also schon vor 10.000 Jahren Menschen gewohnt. Wir besuchten das Museum bis etwa 11 Uhr. 1973 wurden an dieser Stelle 3.000 Felszeichnungen des Helleristningsfelt Hjemmeluft entdeckt. Es ist das größte Feld Nordeuropas und seit 1985 in die "World Heritage List" der Weltkulturgüter der UNESCO aufgenommen. Man schätzt die Zeichnungen auf 2.600 bis 6.200 Jahre: Alltagsszenen und rituelle Handlungen, Tanz- und Jagdszenen, Fruchtbarkeitssymbole.
Archäologen haben die nur millimetertiefen Linien farbig nachgezogen. Das Feld ist auch bei Regen über einen 1,6 km langen Rundweg auf Holzstegen zu begehen; ein Glück, denn der Regen hörte erst im Laufe des Vormittags auf.

Troms

Nach dem Mittag auf einem Parkplatz im Wald unternahmen wir einen Abstecher zum Gletscher Øksfjordjøkelen. Man kommt nicht an den Gletscher heran. Soweit wie die Schotterstraße reicht, standen vereinzelte Siedlungen. Danach gibt es maximal noch Fußwege, wenn überhaupt, um an den Gletscher, dessen Ausläufer bis an den Fjord hinunterreichte, zu kommen. Anschließend fuhren wir auf der Europastraße E8 immer an den Fjorden entlang, mit Blick auf die Lyngsalpen: ein großartiges Alpenpanorama, wild und dramatisch. Die ca. 1.000 m hohen schneebedeckten Berge reichen fast senkrecht in den Fjord hinein. Von Olderdalen nach Lyngseidet und von Svensby nach Breivikseidet nutzten wir die Fjordfähren. Somit kürzten wir zeit- und wegmäßig viel ab. Schließlich wollten wir heute noch nach

Tromsø

kommen (nach 351 Fahrtkilometern). Die Stadt liegt auf der gleichnamigen Insel, die durch die Tromsø-bru (Tromsø-Brücke) mit dem Festland verbunden ist. Wir übernachteten auf dem hinteren Teil der Insel, nachdem wir schon mal geschaut hatten, wo sich einzelne Sehenswürdigkeiten befanden. Am Abend konnten wir endlich bei 11 °C wieder den Blick auf die Mitternachtssonne genießen, zwar noch mit Wolken, aber immerhin. Den ganzen Tag hatte es schon nicht mehr geregnet.
Am nächsten Morgen war es sonnig und das Thermometer zeigte 16 °C. Es war warm. Wir hatten vor, einen Tag lang die mit 55.000 Einwohnern größte Stadt nördlich des Polarkreises und nördlichste Universitätsstadt Europas zu erkunden. Es begann mit einem Flop: Das Meeresaquarium, das wir besuchen wollten, war bereits seit 1996 geschlossen. Also fuhren wir zum nördlichsten Botanischen Garten der Welt, wo es Pflanzen aus verschiedenen Hochgebirgsgegenden sowie aus Moor und Sumpf gab. Der Garten ist 1,6 ha groß und eingeteilt in 3 Terrassen mit Bachlauf, Teich und einer Gartenlandschaft mit arktisch-alpinen Pflanzen. Neben dem Garten befindet sich das Nordlysplanetariet (Polarlicht-Observatorium). Hier sollte es samstags, 12 Uhr, eine Vorführung in Deutsch geben. Aber gerade an dem Tag, an dem wir sie sehen wollten, fiel die deutsche Vorführung aus. Statt dessen gab es eine in Norwegisch, weil sich eine Kreuzfahrt, die offenbar aus lauter Norwegern bestand, angekündigt hatte. Da wir aber nicht drei Stunden bis zur englischen Führung warten wollten, hörten wir uns die norwegische um 11 Uhr an. Zum Glück kann man norwegisch wenigstens etwas verstehen. Die Vorführung war sehr interessant, weil wir dadurch in den Genuß des nur im dunklen Winter sichtbaren Nordlichtes kamen und alles erfuhren. Anschließend fuhren wir in die Stadt. Hier besichtigten wir die 1861 eingeweihte Domkirche, nachdem eine Hochzeit vorüber war. Sie ist mit ihren 750 Plätzen eine der größten Holzkirchen des Landes. Wir besuchten auch das Polarmuseum.
Die Ausstellung umfaßt Fang, Forschung und Expeditionen in den Polargebieten, u. a. zu der von Roald Amundsen. In keinem anderen Hafen der Welt sind so viele Polarexpeditionen begonnen worden wie in Tromsø.
Die Prachtstraße von Tromsø ist die Stogata-Straße. Hier findet man viele kleine Restaurants, hübsche Holzhäuser und die nördlichste Brauerei Europas, wo das in Norwegen bekannte Mack-Bier gebraut wird. Mittlerweile sind es 20 °C geworden. Für Nord-Norwegen ist das heißer Sommer, denn man fühlt durch die trockene Luft wie 30 °C. Als wir Hunger verspürten, und nach so vielen Stunden auch noch fußlahm waren, mußten wir wiedereinmal die Kurzlebigkeit eines Reiseführers erleben. Das darin angekündigte russische Restaurant existierte nicht mehr. Also beschlossen wir, in das "Pizza Huset", Tromsø's ältestes Pizzahaus, zu gehen. Es hat sich gelohnt. Die Pizza war so groß und der Salat schmeckte so gut, daß wir Schwierigkeiten hatten, alles aufzuessen. Ein Spaziergang über die 1.224 m lange Tromsø-bru bis zur Eismeer-Kathedrale (Ishavskatedralen) und wieder zurück rundete den Aufenthalt hier ab. Die Kathedrale wurde 1965 aus Beton und Glas erbaut. Sie verkörpert eigenwillig die Elemente dieser Landschaft: Licht, Eis, Brüche, Verwerfungen. Die ganze Ostwand ist ein 150 m² großes Glasmosaik. Wir sahen das Gebäude jedoch nur von außen: zu viele Leute und zu hoher Eintritt.
Noch am Abend fuhren wir auf E8 und E6 in Richtung Narvik weiter und übernachteten nach 121 km auf der Höhe von

Heia,

234 m. NN. Hier erlebten wir eine tolle Mitternachtssonne mit ein paar Schleierwolken am Himmel.
Und am nächsten Morgen die nächste Panne: Ich wollte auf die am Parkplatz befindliche Toilette gehen, als ich im Tran die Schiebetür verriegelte und zuschob. Bertram war derweil mit dem Fotoapparat unterwegs. Zu unserem Unglück waren Fahrer- und Beifahrertür nach der Nacht noch nicht entriegelt. Bertram war ziemlich sauer, weil ich "es nun geschafft hätte". Der Schlüssel lag drinnen, und der Ersatzschlüssel war in meiner Videotasche - und die natürlich auch drinnen. Glück im Unglück: Ich hatte die Tür nicht ganz zugeschoben, so daß man durch einen Spalt mit einem Werkzeug den Nippel hochziehen konnte. Nur, das, was wir auf dem Parkplatz fanden, war dafür nicht geeignet. Nun versuchte Bertram die Autos anzuhalten, die vorbeikamen. Aber es waren nicht viele um 6 Uhr morgens, und es wehte ein bitterkalter Wind. Den ersten bat er, im nächsten Ort den Pannendienst anzurufen und herzuschicken. Aber es tat sich nichts. Nachdem einer trotz Winken gleich vorbeifuhr, zwang Bertram einen anderen zum Anhalten. Der fuhr zwar noch auf den Parkplatz, aber um gleich wieder Gas zu geben und davonzudüsen. Wo blieb die vielgepriesene Hilfsbereitschaft der Norweger?
Völlig verzweifelt startete er einen letzten Versuch. Diesmal hatte er endlich Glück. Der angehaltene Taxifahrer hatte ein Handy dabei und rief sofort beim FALKEN-Pannendienst an. Noch eine halbe Stunde frierendes Warten und der Herr vom Pannenhilfsdienst kam. Es war schwierig, durch den kleinen Spalt an den Nippel zu kommen. Aber mit Bertrams Hilfe schaffte es der Mann dann doch. Wieder in glücklicherer Lage, zogen wir uns gleich warm an und genossen den schönen heißen Kaffee. Gegen 8.45 Uhr konnten wir unsere Reise endlich fortsetzen. Es herrschte ein kühler Wind, aber die Temperatur war mittlerweile auf 10 °C gestiegen und am Mittag hatten wir hochsommerliche 18 °C!
Wir machten einen Abstecher durch ein landschaftlich sehr schönes Flußtal bei Andselv, ehe wir über eine Hochbrücke auf die Insel

Senja

kamen. Sie ist landschaftlich einmalig. Manch Reiseführer sagt, sie sei noch schöner als die Lofoten. Durch drei Tunnel kamen wir hinüber nach Grunnfarnes. Der erste Tunnel, Kaperskaret, führte mit 630 m unter einem Schneeberg hindurch, wo wir unseren Wassertank auffüllten, der Sifjordtunnel war 1,5 km lang und führte zum gleichnamigen Ort. Der letzte Tunnel, der Grunnfarnestunnel, war 570 m lang. Grunnfarnes ist ein malerisches Dorf mit spitzen, ca. 300 - 400 m hohen Bergen auf der einen und dem Meer auf der anderen Seite. Die Berge wirkten von unserem Standpunkt aus wie Tausender! Die Straße endete ca. 100 m vor dem Meer. Hier stand eine Picknickbank und wir machten unsere Mittagspause. Da das Wetter so schön war, blieben wir bis kurz nach 17 Uhr hier, um auszuruhen und uns zu sonnen. Es war bei 19 °C sehr warm und ich holte mir einen leichten Sonnenbrand. Dann fuhren wir den gleichen Weg zurück bis nach Finnsnes und von dort auf der E6 in die Provinz

Nordland

Unser Ziel nach 390 km hieß Narvik, wo wir gegen 22.30 Uhr ankamen. Wir wollten eigentlich auf dem Hausberg übernachten und von dort den höchsten Stand der Sonne beobachten, aber die Fahrstraße hat man mittlerweile gesperrt, so daß derjenige, der die Aussicht genießen möchte, mit der sehr teuren Seilbahn (60 NOK) hinauffahren muß. Also blieben wir mitten im Wald stehen. Wir hatten wieder eine herrliche Sicht nach Norden und somit auf die Mitternachtssonne. Die Sonne hatte heute, am 21. Juni, ihren höchsten Punkt erreicht. Da störten auch die im Weg stehenden Felsspitzen nicht, denn verschwand die Sonne dahinter, dauerte es keine Minute, da war sie wieder zu sehen. Wir blieben bis nach 1 Uhr auf, um das Erlebnis voll zu genießen.
Um 9 Uhr morgens begannen wir unsere Stadtbesichtigung im Café "Bakeriutsalg og Kafé" bei Capuccino und Gebäck. Narvik hat 20.000 Einwohner. Hier fand einer der härtesten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges statt. Ein Spaziergang führte uns am Erzhafen vorbei, wo sich Europas größte Erzverladungskais befinden. Das in Schwedens Malmbjergen abgebaute Eisenerz wird per Spezialzug, der 5.000 t faßt, nach Narvik transportiert und hier verschifft. Von einer schönen Wohngegend aus hatten wir einen guten Blick auf den Erzhafen - und auf die sich bei 17 °C sonnenden Nord-Norweger. Auf der Weiterfahrt trafen wir am Fährhafen ein ROTEL, den PAPA 115. Mittlerweile war es bei 19 - 20 °C sehr heiß geworden.
Auf der E6 bis Særran am Efjorden. Dann auf der Straße 827 an diesem Fjord entlang zum Stetind, ein 1.392 m hoher Berg, der aussieht wie das schweizer Matterhorn und als der eindrucksvollste natürliche Obelisk der Welt gilt. Bis dahin passierten wir zwei Tunnel: den Efjord-Tunnel (1.600 m) und den StetindTunnel (2.730 m). Danach hatten wir eine herrliche Sicht auf den Felsen im blauen Sommerhimmel. Bis zur Fähre in Kjøpsvik hatten wir weitere vier Tunnel zu passieren: Tømmerås-Tunnel (530 m), Nipvik-Tunnel (850 m), Brattli (mit 3.560 m der längste) und Kjøpsvik-Tunnel (830 m). Wer nicht nachrechnen möchte: es waren 10.100 m Tunnelstrecke. An der Fährstation in Kjøpsvik mußten wir eine Stunde bis zur nächsten Abfahrt warten. Da es keine Fährenfahrpläne zu kaufen gibt, weiß man nie, wann die nächste Fähre geht. Aber an den Fährstationen hängen oftmals die Fahrpläne von anderen Linien der gleichen Gesellschaft. Dadurch wußten wir öfter die Zeiten im voraus und konnten so besser planen.
Eine dreiviertel Stunde benötigte die Fähre bis hinüber nach Drag. Nach unserem Abstecher wieder auf der E6 fuhren wir diese in Richtung Nordkap bis zur Fähre in Bognes. Von Bognes nach Skardberget und umgekehrt fährt die einzige E6-Fähre, da es an dieser Stelle noch keine Brücke gibt. Wir wollten aber auf die Inselgruppe der

Vesterålen

und stellten uns deshalb in der Schlange nach Lødingen an. Hier hatten wir eineinhalb Stunden Zeit, so daß es sich lohnte, etwas zum Mittag zu kochen. Nach einer Stunde sonniger Fährfahrt kamen wir 19.45 Uhr in Lødingen an und fuhren zuerst auf die Halbinsel Hinnøya. Auf der E10 bis Hamna und dann weiter auf der Straße 83 nach Harstad. Die Fischerei war hier auf den Vesterålen jahrhundertelang das Hauptstandbein der Wirtschaft. Heute dominiert das Öl. Harstad wurde Versorgungshafen für alle nördlichen Bohrungen. 3 km von Harstad entfernt steht die Trondenes Kirke. Sie wurde um 1250 erbaut und ist die einzige in Nordnorwegen erhalten gebliebene alte Steinkirche mit 2,50 m dicken Wänden und einem sehenswerten Flügelaltar aus dem Mittelalter. Westlich der Kirche steht ein Glockenturm aus Holz. Da für die am Wochenende stattfindenden Mittsommernachtsfeiern geprobt wurde, konnten wir die Kirche nicht besichtigen. Also weiter.
Immer auf der Suche nach einem schönen Mitternachtssonnenplätzchen fanden wir in der Karte einen Weg an ein Kap. Der Weg war schmal, steil und hatte viele Serpentinen. Letztlich endete er auf einem Schotterweg. Die Sonne stand so tief, aber hoch genug über'm Horizont, daß wir, wenn wir genau nach Norden fuhren, so gut wie nichts mehr gesehen haben. Als wir am "land's end" des Ortes Elgsnes angekommen waren, stellte sich heraus, daß ein - auch noch bewohnter - Hügel den Blick auf die Sonne versperrte. Da war nichts mit Übernachten, wenn man - nach dem hier geltenden Jedermannsrecht - immer 150 m Abstand zum nächsten Gehöft halten soll. Also mußten wir die 15 km den gleichen Weg wieder zurückfahren.
Ein Stück weiter an der Küste gab es einen Aussichtspunkt "Nupen". Es war ein Parkplatz mit WC direkt am Meer. Hier fanden wir auch - nach 272 zurückgelegten Kilometern und kurz nach 23 Uhr - ein Plätzchen zum Übernachten. Was wir hier erlebten, kann man kaum beschreiben. Es war wie auf einem Volksfest. Es kamen immer mehr Autos und Leute, teilweise mit Verpflegungsbeuteln und Picknickkörben. Vor allem Jugendliche. Die setzten sich dann auf den Steinstrand - allerdings jede Gruppe in gebührendem Abstand zur anderen -, um dort eine helle Sommernacht zu verbringen. Um 0.30 Uhr waren es immer noch 17 °C. Und das so weit oben im Norden! Wir hatten eine herrliche Sicht auf die benachbarte nördlichere Halbinsel Andøya, halb im Dunst, aber deutlich zu sehen.
Am nächsten Morgen standen mit uns nur noch zwei - deutsche - Wohnmobile auf dem Platz. Die Sonne lachte und das Thermometer zeigte, da die ganze Nacht die Sonne auf das Auto prasselte, 25 °C. Gegen 9.30 Uhr machten wir uns auf den Weg in Richtung Andøya. In Hemmestad sahen wir uns ein altes Posthaus an, das leider geschlossen war. Von Revsnes nach Flesnes nahmen wir die 20minütige Fähre - eine andere Möglichkeit hatten wir nicht.
Nach etwa zwei Stunden Autofahrt erreichten wir über eine Hochbrücke die Vesterålen-Insel Andøya. Die 488 km² große Insel besteht fast zur Hälfte aus Mooren, die für ihre vielen Moltebeeren, Lapplands besondere Spezialität, berühmt sind. Wir machten unsere Mittagspause am Rande eines solchen Hochmoores, kurz nachdem wir die Straße 82 verlassen hatten, um an der Westküste der Insel nach Norden zu fahren. Das Moor war ein Paradies für Bertram. Wir blieben bis ca. 16 Uhr hier, ehe wir nach Bleik weiterfuhren, das wir gegen 18 Uhr erreichten. Hier gibt es einen Vogelfelsen, zu dem auch Ausflüge unternommen werden. Leider fand die nächste Tour erst am nächsten Mittag statt. Das war für uns zu spät; so fuhren wir weiter nach Andenes, der Hauptstadt von Andøya. Bis auf einen roten Leuchtturm, den man für Geld besteigen kann, hat der Ort nichts zu bieten. Er ist lediglich wegen seiner Walfänger, die heute mit Walsafaris für zahlungskräftige Touristen mehr Geld verdienen, bekannt.
Da es lange hell bleibt, beschlossen wir, noch am selben Abend auf die Vesterålen-Insel Langøya zu fahren, nachdem wir die achteckige Kirche in Dverberg begutachtet hatten. Unser Ziel sollte nach 348 km Nyksund im Norden von Langøya sein.
Wir wollten uns selbst davon überzeugen. Die Straße 821 war ab dem Ort Myre nur noch eine schmale Schotterstraße mit Ausweichstellen, wo uns nur einmal ein rasender Norweger entgegenkam. Als wir um 21.50 Uhr in Nyksund ankamen, traute ich meinen Augen nicht: Am Ende der Straße gab es einen Platz, und hier standen 'zig deutsche Wohnmobile, ein Italiener und ein Österreicher. Wir stellten uns mit dazu, die Mitternachtssonne im Rücken. Wir unternahmen einen Spaziergang durch das verfallene und zum Teil bereits wiederaufgebaute Dorf. 83 Stelzenhäuser sind über zwei Inseln verteilt. Am Ende der einzigen Straße war der Durchgang gesperrt, da die Brygge-Häuser dahinter vom Einsturz bedroht sind. Hier hatten sich die wenigen Einwohner des Dorfes, die sich wieder hier angesiedelt haben, mit einigen Touristen zum Mittsommernachtsfeuer zusammengefunden. Wir hatten dafür aber keine Muse, sondern spazierten wieder zurück.
Wir statteten dem restaurierten Restaurant "Vertsbrygge" einen Besuch ab. Bertram fragte auf Englisch, was es denn zu Trinken gäbe. Da antwortete der junge Mann am Tresen: "Ihr könnt ruhig deutsch sprechen." - und das Eis war gebrochen. Bertram und ich tranken jeder ein teures norwegisches Bier (40 NOK = ca. 10 DM) und unterhielten uns gut mit Karl-Heinz und dessen Freund, der hier Urlaub machte. Karl-Heinz lebt seit vier Jahren hier und hilft ab und zu im Restaurant aus, sonst arbeitet er im Kunsthandwerksladen von Nyksund.
Er lud uns ein, am nächsten Morgen bei ihm zu duschen. Wir verbanden dies mit einer Besichtigung seines Hauses, das er hier gekauft hatte. Ein kleines Holzhaus mit herrlichem Blick auf das Meer. Nachher begleiteten wir Karl-Heinz in seinen Kunsthandwerksladen. Bertram schoß einige Fotos, die wir an verschiedene Reiseführerverlage schicken wollen, um diese Leute auf den wiederauferstehenden Museumsort aufmerksam zu machen und darauf hinzuweisen, daß sich Nyksund nicht nur wegen der stattfindenden Walsafaris für einen Besuch lohnt. Schließlich waren laut Aussage von Karl-Heinz 30 - 35 Tausend Touristen im Jahr 1997 in Nyksund.
Mit Karl-Heinz kamen wir nun auch in den Genuß des abgesperrten Bereiches. Er hat sich ein altes Hafenhaus, "Brygge", gekauft, das er sanieren und zu Silvester 1999/2000 als Herberge einweihen und eröffnen möchte. Da hat er aber noch viel zu tun. Erstaunlich gut erhalten sind die Holzpfähle, auf denen das Haus im Salzwasser steht, und das vielleicht seit 100 Jahren... Als wir uns von dem netten jungen Mann verabschiedet hatten, gingen wir noch einmal ins "Vertsbrygge". Wir wollten Wal- und Lachssteak zu Mittag ausprobieren - und es schmeckte sehr gut.
Gegen 14 Uhr brachen wir auf und fuhren auf kleineren Nebenstrecken, die sich mitunter als Schotterstraße entpuppten, durch Langøya bis Melbu. Auf dem Weg dahin sahen wir uns in Stokmarknes ein am Kai liegendes ausgedientes Hurtigrutenschiff an (Die Hurtigrute ist die Frachtschiffverbindung von Bergen nach Kirkenes in 11 Tagen mit wenigen Passagierkabinen.) und entdeckten im grünen Wasser vor uns verschiedene Quallenarten. Einmal stand nach einer Kurve ganz plötzlich mal kein Schaf, sondern eine Kuh vor dem Auto, die partout nicht von der Straße gehen wollte. In Melbu nahmen wir die E10-Fähre hinüber zu den

Lofoten

nach Fiskebøl auf der Lofoten-Insel Austvågøya, wo wir 25 min später ankamen. Es war mittlerweile nach 18 Uhr. Auf den Lofoten gibt es eigentlich nur eine größere Straße von Ost nach West, die Europastraße E10 oder "Kong Olavs Vei". Anfänglich bestand die Lofotenstraße auf ganzer Länge nur aus Schotter und Ölkies, einspurig fast überall. Und zwischen den Inseln gab es lange Zeit noch Fähren. Nur an wenigen Stellen hat man die Möglichkeit, eine andere als die Hauptstrecke zu nehmen. Auf Austvågøya war das möglich. An der Nordseite der Insel fanden wir nach 127 Fahrkilometern ein Plätzchen zum Übernachten an der Schotterstraße, wo nur wenige Urlauber entlangkamen, die zum Campingplatz wollten. Noch vor dem Abendbrot, das heute unser Mittag war, unternahmen wir einen "Strand"spaziergang, wie wir meinten. Der Strand war aber Watt, denn es war gerade Ebbe. Wir fanden herrliche Muscheln und sogar eine sich im Tang versteckende Strandkrabbe.
Als später die Flut kam, sah Bertram irgendwann einen schwarzen, runden Gegenstand im Wasser des Fjordes. Er holte das Fernglas und erkannte einen Seehund. Aber bevor wir den Fotoapparat und die Videokamera in den Händen hatten, ortete uns der Seehund - und tauchte ab und ließ sich nicht mehr blicken. Die Norweger schießen nämlich auf alles, was die Fische wegfressen könnte. Wir mußten oft beobachten, daß, sobald wir das Auto zum Stehen brachten, die Tiere reißaus nahmen. Ab und zu konnten wir sie überlisten und ließen einfach den Motor laufen, während wir sie fotografierten und filmten. Es war interessant, die Flut zu beobachten, wie das Wasser Stück für Stück unserer Fußtapsen umspülte und verschluckte. Dazu die herrliche Mitternachtssonne...

Der nächste Morgen begann bei 9 °C (weil wir nachts im Schatten standen), aber sonnig und wolkenlos. Wir setzten unsere Reise auf der Nordseite der Insel fort. Am Mortfjorden fanden wir ein halb verrottetes Boot. Man sagt, die Norweger seien in vielen Dingen von einem Gleichmut, der anderen europäischen Völkern schwer verständlich ist. Und dann war es soweit - wir sahen unseren ersten Elch. Er war allein und trabte gemütlich in gebührender Entfernung an uns vorbei. Damit er nicht aufschreckt und fluchtartig verschwindet, blieben wir im Auto und ließen den Motor laufen. Aber ein Stück Film und mehrere Fotos gönnte er uns. In Bergnähe wurde es wolkiger, in Richtung Vestfjorden, der südlichen Begrenzung der Lofoten, wieder schöner.
Nächstes Ziel war Svolvær. Die 5.000 Einwohner leben noch immer vorwiegend von Fischfang und Fischverarbeitung. Seit der Steinzeit wird auf den Lofoten Tiefwasserfischerei betrieben, vor 6.000 Jahren mit Angelschnüren aus Brennesselfasern, heute mit modernem Fanggeschirr. Von einer 800 m hohen Bergkette umgeben, auf mehrere Inseln und Halbinseln verteilt, die erst in den 30er Jahren mit Brücken verbunden wurden, erinnern höchstens die Dörrfisch-Trockengestelle an gute, alte Zeiten.
Von Kabelvåg aus führt eine kleine Straße, die wir später wieder zurückfahren mußten, nach Storvågan. Hier lag einst das Zentrum der Lofotfischerei mit einem bedeutenden Hafen. Im Jahre 1811 entstand hier das erste Gasthaus der Lofoten, um das herum sich Handwerker und Fischer niederließen. Im Wohn-haus des einstigen Wirtes ist das Lofot-Museum untergebracht. Die ca. 5.000 Ausstellungsstücke vermitteln einen Überblick über die Geschichte der Lofoten-Fischerei. In Schuppen, Arbeitsgebäuden, Boots-häusern (hier steht das traditionelle nordnorwegische Boot in drei verschiedenen Größen) und Rorbuer bekamen wir einen Eindruck vom Leben der Fischer in vergangenen Tagen. Von den einst über 100 Fischerhütten blieb nur ein Rorbuer erhalten; er zeigt die karge Unterkunft der meist in totaler wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Handelsherrn lebenden Fischer. Aber wir waren ein wenig enttäuscht. Die Beschriftungen in dem Museum waren hauptsächlich in der "Weltsprache" Norwegisch und - wenn überhaupt - zusammenfassende und sehr spärliche Informationen in Englisch. Noch heute ist die Form des alten Hafens für jeden erkennbar. Direkt am Hafen befindet sich seit 1989 das Lofot-Aquarium in einem modernen, größtenteils verglasten Gebäude. In zahlreichen Becken verschiedener Größe wird die ganze Wasserfauna der Lofoten gezeigt. Der meiste Platz ist den Meeresfischen vorbehalten, aber auch Süßwasserfische aus den Binnenseen der Inseln sind vertreten.
Wieder zurück in Kabelvåg suchten wir den legendären Trollstein. Wir vermuteten ihn in der mit 1.200 Plätzen größten Holzkirche Norwegens, auch Lofotkathedrale genannt. Hier sollten wir 20 NOK Eintritt zahlen. Dazu kam eine Touristengruppe nach der anderen. Das taten wir uns dann doch nicht an. Und siehe da, der berühmte Stein mit einem normannischen Kreuz stand seitlich der Kirche, gab aber nicht viel her.
Schon bald setzten wir unsere Reise an die Südspitze von Austvågøya, nach Henningsvær fort.
Das Wetter war herrlich und wir erhielten die Gelegenheit, bei der Tørrfisk-"Ernte" zuzuschauen. Jedes Jahr kommen Abermillionen von Dorschen (Kabeljau) in den Vestfjord und dienen den Fischern als Lebensgrundlage. Wenn er nach dem Fang nicht direkt auf russischen Fabrikschiffen zu Filets und Seife wird, verarbeitet man ihn u. a. auf den Lofoten zu Trockenfisch (Tørrfisk oder Dörrfisch). Ausgenommen, geköpft und paarweise zusammengebunden hängen die Fische an riesigen Trockengestellen aus Holz, entweder in Spitzdach-Form oder neuerdings in Flachdach-Form. Wenn der Fisch dann durch den Nord-wind knochentrocken und durch die salzige Luft konserviert ist, kommen die LKW und die Erntehelfer. Der LKW fährt unter das Dach, die Männer stehen auf dem Gestell, schneiden den Fisch ab und werfen ihn auf die Ladefläche. Das hört sich an wie gehackte Holzscheite. Die Köpfe werden, nachdem man die Zunge herausgeschnitten hat, zu Fischmehl verarbeitet. Wir ließen das Auto auf dem Parkplatz stehen und gingen zu Fuß durch das hübsche 600-Seelen-Dorf.
Am späten Abend verließen wir die erste Lofoten-Insel über eine Hochbrücke und erreichten die Insel Gimsøya. Auf der 45 km² großen Insel leben weniger als 300 Menschen in sechs Ansiedlungen. Die Gimsøy-Kirche ist für die Touristen eine Attraktion. Die kleine Holzkirche steht direkt am Meer und ist Sturm und Wetter ausgesetzt. Nachdem sie schon mehrmals unter den schweren Stürmen zusammen-gebrochen oder weggeweht ist, hat man sie mit starken Drahtseilen davor geschützt. Der Friedhof muß sehr alt sein, denn hier gab es viele verrostete Eisenkreuze und eiserne Grabplatten. Ein Austernfischerweibchen war durch unsere Anwesenheit furchtbar aufgeregt und machte einen fürchterlichen Lärm. Sie hatte offenbar in der Nähe ihr Gelege. Mein aufmerksamer Biologe entdeckte das Nest, indem er fast dar-über stolperte. Was ist der Austernfischer so blöd und legt seine Eier mitten auf den Hauptweg zur Kirche...
Auf der kleinen Insel war es gar nicht so einfach, einen geeigneten Übernachtungsplatz zu finden. Alle trockenen Gebiete waren dicht besiedelt und im Moor sackt man leicht ein. Nach langem Suchen fanden wir einen festen Standort am Moor, kein Haus weit und breit! Nach 127 Fahrtkilometern wurden wir wieder mit einem herrlichen Blick auf die Mitternachtssonne belohnt.

Schon um 8.30 Uhr morgens bei sonnigem Wetter, ca. 20 °C und fast wolkenlosem Himmel brachen wir auf. Eine kleine Hochbrücke brachte uns auf die dritte Lofoten-Insel, nach Vestvågøy. Die Insel ist 422 km² groß und mit 11.000 Bewohnern die bevölkerungsreichste Gemeinde der Lofoten. Wir wählten die südliche Route über die Insel auf der Straße 815, um von der viel befahrenen Europastraße E10 fernzubleiben. Wenn wir die Wahl hatten, suchten wir uns immer solche Wege oder Straßen, auf denen wir nicht 20 km hin und später wieder zurückfahren mußten. Zunächst bahnten wir uns den Weg durch zwei Ziegenherden, die die Straße zu ihrem Revier auserkoren hatten. Dabei hatten wir viel Spaß. Die jungen Ziegen wußten nämlich nicht wohin. Vielleicht machte ihnen auch der große weiße Bus Angst.
An der ersten Halbinsel von Vestvågøy bogen wir auf die Straße 817 ab, die nach Stamsund führte. Hier legen jeden Abend die Postschiffe der Hurtigrute an. Der Ort entstand um 1900, als die Fläche aus dem Fels gesprengt wurde, auf der Hafen und Häuser gebaut werden konnten. Der führende Fischerort der Westlofoten wirkt im Gegensatz zu anderen Häfen geradezu steinern. Selbst der 1,5 km lange Kai ist aus eigens behauenen Natursteinen gebaut.
Auf einer kleinen Straße gelangten wir zurück zur Straße 815 und zur nächsten Halbinsel. Am Ende der Rundfahrt über diese Halbinsel gelangten wir bei Fygle zur Insel Hol. Die hölzerne Kreuzkirche von Hol ist eine der ältesten erhaltenen Lofotenkirchen. Sie stammt aus dem 14. Jh., wurde aber 1806 restauriert. Laut Reiseführer sollte es hier einen uralten Wikingerfriedhof mit 10 bis 15 m hohen Grabhügeln geben, der ursprünglich auf einer Insel lag. Der Weg war nicht leicht zu finden. Irgendwo im Grünen mußten wir das Auto stehen lassen und zu Fuß weitergehen. Das Gelände wurde unwegsam und moorig. Dann trafen wir auf die "richtige" Insel. Im Laufe von 600 Jahren hat sich das Land um 1,70 m gehoben. Somit war die Insel nur noch bei Flut eine Insel. Und dort trafen wir sie dann, die Stelen und Steinplatten, die die Wikingergräber verrieten.
Ballstad, am Ende der Straße 818 auf der dritten Halbinsel, ist ein alter Fischerhafen mit langer Tradition. Alles in der Stadt gehört einer Familie. Beeindruckend ist das riesige Landschaftsgemälde, das die ganze Außenwand der großen Werft einnimmt. Es sei wohl das größte Bild der Welt.
Im Hauptort von Vestvågøy, Leknes, machten wir einen Abstecher zum Leknes Lofoten Hotell. Das schöne neue Hotel ganz aus gelb gestrichenem Holz ist ein Haus mit Geschichte. Es hat während der Winterolympiade 1994 in Lillehammer gestanden, wurde dann demontiert und in Leknes wieder aufgebaut.
Um von Vestvågøy nach Flakstadøy, der vierten Lofoten-Insel, zu kommen, muß man durch den einzigen 1.780 m langen Tunnel, den Nappstraumtunnel, fahren. Es war ein teures (Maut: 65 NOK), aber angenehmes Erlebnis.

Auf Flakstadøy, mit 180 km² und ca. 1.600 Einwohnern die drittgrößte der Lofotengemeinden, gibt es kaum eine Ausweichmöglichkeit von der E10. Nur zwei Sackgassenstraßen, um die Insel ein bißchen kennenzulernen. Die Gemeinde lebt vom Fischfang und etwas Landwirtschaft, der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen und die Gemeinde ist arm, hat kaum ein Gewerbe. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb hier und auch auf Moskenesøy das Jedermannsrecht sehr eingeschränkt ist. Hier zwingt man die wenigen Touristen regelrecht dazu, einen geldbringenden Campingplatz aufzusuchen. An allen Parkplätzen stehen Schilder mit der Aufschrift: "Das ist ein Parkplatz. Nach einem kurzen Aufenthalt wünschen wir Ihnen eine gute Weiterfahrt."
Eine der beiden Straßen führte uns nach Nusfjord, einem malerischen Ort zwischen spitzen Felsen. Der historische, an einen winzigen Fjord gekuschelte Fischerort hat sich, als Weltkulturgut seit 1975 unter UNESCO-Denkmalschutz stehend, das Flair eines Lofotenhafens der Jahrhundertwende bewahrt. Die beiden weißen Herrenhäuser und auch die kleinen hufeisenförmig um den Hafen gebauten seit 900 Jahren üblichen Robuer, hölzerne und auf Pfählen stehende Fischerhütten, in denen heute Touristen wohnen, sind noch erhalten. Hier gibt es eine Dreizehenmöwen-Kolonie. Die Tiere machten einen fürchterlichen Krach. In Nusfjord existiert noch ein Kaufmannsladen aus der Zeit der Jahrhundertwende in seiner alten Form. Der Laden erinnert an die Zeit unserer Großeltern, zumal der Laden gleichzeitig Posthalterei und medisinutsalg war: Arzneimittelhandlung (Jodtinktur, Pflaster und Hustentropfen). Heute ist er Lebensmittelladen, Souvenirshop und Apotheke in einem.
Wieder auf der E10 kamen wir an der Flakstad Kirke vorbei, um 1780 aus dem russischen Holz gebaut, mit dem ein Frachtsegler im 18. Jh. an der Küste strandete. Am meisten soll das Innere der kleinen Kreuzkirche beeindrucken, gefügt aus axtbehauenen schweren Blockbohlen, die von außen zum Schutz gegen die Witterung mit knallrot gestrichenen Brettern verkleidet sind. Leider war auch diese Kirche verschlossen. Die schöne Kirche steht im grünen Bauernland, das aus dem Meer emporgestiegen ist - befreit vom Druck der Eismassen wuchsen die Inseln seit 15.000 Jahren um 20 bis 150 m aus der See. Kein sicherer Baugrund. Schon zweimal mußte das abgesackte Bauwerk der Kirche auseinandergenommen und auf neuem Fundament wieder aufgerichtet werden.
Die zweite Straße, hauptsächlich ein Schotterweg, führte uns nach Nesland, ein Doppelort, von dem A(ust) Nesland noch oder wieder bewohnt ist. Von hier aus führt ein zweistündiger Fußweg über die Berge nach Nusfjord. Per Fahrzeug muß man von einem zum anderen Ort so fahren wie wir. Der Ortsteil V(est) Nesland ist der eigentliche ursprüngliche Fischerort. Er wurde jedoch von den Fischern wegen der geringen Wassertiefe aufgegeben. Der Ort atmet mit seinen alten Gebäuden und dem kleinen natürlichen Hafenbecken noch immer den Hauch vergangener Tag und sieht so aus, als würden dort immer noch Leute wohnen. Wenn nur das Gras nicht so hoch wäre... Zwei Häuser sind seit kurzem scheinbar wieder bewohnt: Gardinen an den Fenstern, der Rasen gemäht...
Zwei lange hintereinanderliegende Hochbrücken verbinden Flakstadøy mit Moskenesøy, der vierten Lofoten-Insel, 117 km² groß. Hier führte uns unsere Reise an den ruhigen Selfjorden, wo mehrere Seeadlerpaare horsten sollen. Leider hatten wir kein Glück welche zu sehen. Wir hatten eigentlich vor, an diesem Fjord zu übernachten. Aber in der Nähe von "land's end" standen mehrere Häuser, so daß wir dort das Jedermannsrecht nicht in Anspruch nehmen konnten. Wir fanden auf dem Rückweg in Richtung Europastraße ein Plätzchen am Rande der Schotterstraße, weitab von jeglichen Häusern. Nur ab und zu kam mal ein Auto vorbeigefahren. Wir hatten gegen 18.30 Uhr 185 km zurückgelegt. Es war fast wolkenlos, dazu 25 °C. Ein Berg nahm uns den ungetrübten Blick auf die Mitternachtssonne, aber es blieb ja hell.
Schon um 6 Uhr morgens brachen wir bei strahlendem Sonnenschein und 16 °C auf. Irgendwann wollten wir ein WC aufsuchen, da uns ein dringendes Bedürfnis dazu zwang. Wir fanden auch einen Parkplatz mit WC. Aber - abgesehen von dem bereits erwähnten Schild - hing vor jeder Tür ein riesiges Schloß. Wahrscheinlich, damit man nachts hier nicht campt, sondern auf einen Campingplatz ausweicht. Jetzt zeigte die Uhr aber bereits 8.30 Uhr! Nun, wir haben ja schon des öfteren erlebt, daß in Norwegen vor 10 Uhr kaum ein Norweger zu Arbeiten beginnt. Also nutzten wir die Natur für unser Bedürfnis.
Seit wir den Selfjorden verlassen hatten, fuhren wir wieder auf der E10 - eine andere Strecke gab es nicht. Bei Hamnøya, einer kleinen Insel auf der Strecke, die durch Hochbrücken mit der Hauptinsel verbunden ist, gibt es eine Dreizehenmöwen-Brutkolonie. Als die Europastraße gebaut wurde, blieb keine Wahl, die Straße mußte durch den Möwenfelsen gesprengt werden. Die Möwen kamen wieder - und heute kann man nirgends diese Möwenart so nahe zu sehen bekommen und sie sogar aus dem Auto heraus fotografieren.
In Å, dem Ort mit dem kürzesten Ortsnamen der Welt - so meinen es jedenfalls die Einwohner, obwohl es in Norwegen zwei weitere Dörfer mit gleichem Namen gibt - endet die E10. Die beiden letzten Lofoten-Inseln Værøy und Røst kann man nur mit dem Schiff erreichen. Aber die Zeit hatten wir nicht. Der ganze Ort Å ist ein einziges Museum, er wird auch das "Museumsdorf" genannt. Viele Gebäude, die das Museum bilden, sind über das ganze Dorf verstreut und stehen noch an der Stelle, wo sie einst benutzt wurden: Bootshäuser, Schmiede, Trankocherei, Bäckerei und Rorbuer. So bekommt man einen guten Eindruck, wie es früher in einem fiskevær zugegangen ist. Leider stimmten die Öffnungszeiten überhaupt nicht mit den 1998er Touristeninformationen überein. Nach knapp 2 Stunden des Wartens erfuhren wir, daß das Museum statt um 10 Uhr erst um 11 Uhr öffnet. Und das Stockfischmuseum scheint es überhaupt nicht mehr zu geben. Nirgendwo ein Hinweisschild auf einen Eingang. Aufgrund unserer Enttäuschung beschlossen wir, uns nicht lange hier aufzuhalten. Zumal auch langsam dicke Wolken auf- und immer mehr Touristen ankamen.
Auf der E10 mußten wir bis Moskenes zurück. Von hier aus sollte um 13 Uhr eine Fähre nach Bodø über den an dieser Stelle 100 km breiten Vestfjorden zum Festland fahren. Das hieß für uns noch einmal 2 Stunden Wartezeit, war aber nicht zu ändern. Trotzdem waren wir nicht die ersten an der Fähre, sondern befanden uns eher im hinteren Drittel der Wartenden. Kein Wunder, so selten wie die Fähre fährt. Wir nutzten die Zeit zum Mittagessen und hatten uns gut mit den vor uns wartenden Franzosen verstanden. Das ältere Ehepaar fuhr einen VW-Bus mit Faltdach und war schon das vierte Mal auf den Lofoten; doch noch nie war das Wetter so extrem schön wie in diesem Jahr. Tja, wenn Engel reisen... Als es dann endlich soweit war, mußten wir noch bangen, überhaupt auf der Fähre mitzukommen. Doch es war erstaunlich, wie da rangiert und gestopft wurde. Die Fährenmitarbeiter zeigten all ihr Können, um so viele Autos wie möglich mitzunehmen. Wir dachten schon, das war es gewesen, als wir 5 Meter vor dem Bauch der Fähre zurückgewunken wurden. Aber der Einweiser hatte noch einen Platz für einen niedrigeren PKW gesehen, und dieser mußte eben vor uns auf die Fähre fahren. Und hinter uns hatten noch einmal zwei PKW Platz. Als wir ausstiegen, um in den Salon zu gehen, sah ich diese Millimeterarbeit: Von Auto zu Auto blieben manchmal nur wenige Zentimeter Abstand. Einfach genial!

Nach 4 Stunden Überfahrt auf der "Lødingen" erreichten wir Bodø gegen 18 Uhr. Es war leicht bewölkt und auch nicht mehr ganz so warm. Die Stadt wirkte vom Wasser aus ziemlich trostlos mit ihren Wolkenkratzern. Alle Sehenswürdigkeiten liegen nah beieinander. Beim Stadtbummel wirkte die Stadt wie ausgestorben. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Bei einem Pub im "Glashuset" bekamen wir die Antwort auf unsere Frage: Es war Fußball-WM und alle hockten vor den Fernsehern auf der Jagd nach Toren.

Von Bodø aus nahmen wir statt der E6, Hauptverbindungsstraße gen Süden, die landschaftlich schönere Küstenstraße 17 in Angriff. Ich nenne sie die Brücken-Tunnel-Fähren-Straße, weil wir zig Brücken, mindestens 19 Tunnel (mit einer Gesamtlänge von ca. 29 km [28.790 m]) passieren und 6 Fähren benutzen mußten. 33 km von Bodø entfernt sahen wir noch am selben Abend den stärksten Gezeitenstrom der Welt und Norwegens schnellster Mahlstrom, den Saltstraumen. Er ist ein Sund (3 km lang, 150 m breit, 50 m tief), der den Skjerstadfjord mit dem Saltfjord verbindet. 400 Millionen Kubikmeter Wasser strömen beim Gezeitenwechsel durch diesen Engpaß. Der Höhenunterschied beider Wasserspiegel beträgt bis zu einem Meter, und die Strömung erreicht Geschwindigkeiten bis zu 30 km/h. Wir standen auf der erst seit einigen Jahren existierenden 770 m langen Betonbrücke, die den Strom überspannt. Leider störten die Autos auf der vielbefahrenen Brücke. Mitten im Strom brüteten Möwen ungestört auf einer kleinen Insel.
Wir durchquerten fünf Tunnel (u. a. Sundsfjord, Vindvik, Skaugvoll und Storvikskar mit 3.100 m der längste) auf einer Gesamtlänge von 5.370 m, bevor wir nach 157 Fahrtkilometern gegen 21.30 Uhr unseren Übernachtungsplatz an der Straße 17 erreichten. Die Wolken hatten sich mittlerweile fast verzogen und wir noch einmal einen schönen Blick auf die Mitternachtssonne.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Die Sonne ließ sich zunächst kaum blicken, später war es locker bewölkt; die Temperatur lag bei 17 °C. Wir setzten unsere Reise in Richtung Trondheim fort. Ich fuhr die erste Strecke. Durch drei Tunnel (Glomfjord: 2,2 km, Fykan: 1,9 km und Svartis: 7,6 km) kamen wir zu Norwegens schönstem und zweitgrößtem Gletscher, dem Svartisen (Das schwarze Eis). Ein gewaltiges Zeugnis der letzten Eiszeit. Der Svartisen kommt von 4 Gipfeln, die zwischen 1.577 m und 1.640 m hoch sind und bedeckt eine Fläche von 370 km². Vom Holandsfjorden aus kann man den Engabreen, die Gletscherzunge, die noch vor 30 Jahren bis an den Fjord reichte und heute um mehrere hundert Meter abgeschmolzen ist, ganz gut sehen. Sie ist ein Wahrzeichen für die Klimaerwärmung.
Am Ende des Holandsfjorden wartete die erste Fähre auf uns. 10 min benötigte sie für die Strecke Forøy - Ågskavdet. Nun mußten wir uns beeilen, damit wir die sonntags recht selten fahrende Fähre Nr. 2 Jektvik - Kilboghamn erreichten. Bertram legte für die 28 km und durch zwei Tunnel (Straumdal: 3.200 m und Kista: 400 m) eine rasante Fahrt zurück und überholte dabei alle vor uns von der letzten Fähre gefahrenen Wohnmobile. Der Grund war folgender: Die erste Fähre war sehr voll, wir waren geradeso mitgekommen. Wir wußten nicht, wieviel Autos an der Fähre Nr. 2 stehen würden. Und auf 4 Stunden Wartezeit, nur weil kein Platz für uns war, hatten wir keine Lust. Die Fähre mit dem Namen "Bodø" erreichte nach 1,5 Stunden, die wir auf dem Sonnendeck verbrachten, ihr Ziel. Während der Überfahrt passierten wir unmerklich auch den Polarkreis nach Süden. Ab heute würde die Sonne also wieder untergehen. Wie sie wohl ist, die Dunkelheit?
Bei ca. 25 °C Lufttemperatur machten wir kurz nach der Fährüberfahrt unsere Mittagspause am Ufer eines kleinen Sees. Wir blieben bis ca. 15.15 Uhr, ehe wir unsere Reise in Richtung Nesna fortsetzten. Nun war ich wieder an der Reihe, und prompt mußten wir auch wieder vier Tunnel (u. a. Sil: 2.870 m, Førnes, Sjang: 2.800 m) passieren.
Gegen 16.30 Uhr waren es immer noch 26 °C! Die Fähre Nr. 3 Nesna - Levang erreichten wir um 17.40 Uhr. Sie benötigte 25 min für die Überfahrt. Bei Sandnessjøen gibt es keine Fähre mehr. Die 10 min Fahrzeit wurden durch eine teuere Brücke, die Helgeland-Brücke, ersetzt. Hier zahlt man 72 NOK (= ca. 18 DM) Maut. Im Reiseführer "Skandinavien - der Norden" mit Stand 1998 steht die Fähre noch drin. Hinter Sandnessjøen kamen wir an der beeindruckend-bizarren Bergformation Sju Søstre (Sieben Schwestern) vorbei. Die sieben Gipfel wie an einer Perlenschnur sind Aufschüttungen längst verschwundener Gletscherzungen. Nackter Fels ohne jegliche Vegetation mit sieben Kuppen. Der Sage nach aber sind es die bei Sonnenaufgang zu Stein erstarrten Töchter des Samen-Gottes Sulitjelma. Über mehrere durch Brücken verbundene Miniinseln kamen wir nach Tjøtta. Fähre Nr. 4 brachte uns, mit Zwischenstops auf zwei weiteren Inseln, nach Forvika. Von hier aus brauchte die Straße 17 nur 17 km bis zur nächsten Fähre. Es gab nur diese eine Straße, kaum ein Dorf, keine Ausweichmöglichkeit. Wir erreichten sogar Fähre Nr. 5: Anddalsvågan - Horn. Nur die Fähre Nr. 6 Vermesund - Holm schafften wir nicht mehr. Nach 21 Uhr am Sonntag fährt keine Fähre mehr. Um am nächsten Morgen die erste Fähre um 6.15 Uhr nicht zu verpassen, übernachteten wir auf der Wartespur vor der Anlegestelle. Bis hierher hatten wir 349 km zurückgelegt. Es war eine sehr schöne Strecke gewesen. Wir hatten zwar keine Mitternachtssonne mehr, aber einen herrlichen Sonnenuntergang und immer noch keine Dunkelheit. Bertram sagte mir später, die Sonne sei jedoch nicht ganz untergegangen. Waren wir eventuell noch gar nicht unterhalb des Polarkreises? Lag hier vielleicht eine Verschiebung vor?

Die Fähre benötigte 20 min bis ans andere Ende des Fjordes. Wetter: teils wolkig, teils sonnig, 21 °C. Auf einem gemütlichen Parkplatz im Grünen frühstückten wir erst einmal.

Trøndelag (Nord- und Süd)

Auf der Straße 17, die nun die Küste verließ, ging unsere Reise weiter in Richtung Steinkjer, durch fünf weitere Tunnel. Wir machten halt am Fomo-Fossen, einem Fluß, der wie Wildwasser durchs Tal brauste; die Norweger sagen eben Wasserfall dazu. Mittlerweile waren wir wieder auf der Europastraße 6 angekommen. Am Snåsavatnet, einem etwa 40 km langen Süßwassersee, der vor 4.500 - 6.000 Jahren ein Teil des Trondheimfjordes war, hatten wir die Gelegenheit, der E6 zu entfliehen. Auf der südlichen Seite des Sees nahmen wir die Straße 763, die uns zum Bølareinen brachte. Das Bølareinen ist die größte Ritzzeichnung, die vor ca. 6.000 Jahren angefertigt wurde und zeigt ein fast lebensgroßes Rentier. Die Norweger haben auch hier für Touristen vorgesorgt. In einem Kiosk kann man allen möglichen Kram kaufen. Die Norweger machen mit allem Geld, sogar mit Scheiße. Ja, Ihr habt richtig gelesen, sogar mit Scheiße. In einer Plastiktüte mit einem Zettel zur Erinnerung an das Bølareinen befand sich Elchkot, getrocknet versteht sich. Ein Wasserfall und die vorbeibrausende dampfende Nordlandbahn (Trondheim - Bodø) geben dem Ort irgendwie etwas Romantisches. Das Wetter war gar nicht mehr schön. So beschlossen wir, erst einmal eine Mittagspause einzulegen und ein paar Stunden zu schlafen.
Gegen 18 Uhr fuhren wir in Richtung Trondheim weiter. Es war stark bewölkt, die Sonne ließ sich nicht mehr blicken. Ein weiteres Ziel war

Stiklestad,

ein stimmungsvolles Freilichtmuseum. 30 Höfe und Katen, einige bis zu 250 Jahre alt, werden in hübscher Umgebung ansprechend präsentiert. Hier soll der Hl. Olav 1030 gefallen sein. An dieses Ereignis wird jedes Jahr mit dem Spiel um den Hl. Olav erinnert. Oberhalb des Freilichttheaters, das bei dieser Gelegenheit benutzt wird, steht ein Reiterstandbild des Heiligen. Die Kirche von Stiklestad wurde etwa 100 Jahre nach Olavs Tod genau dort errichtet, wo er den Tod fand.

Die Einfahrt nach

Trondheim

ist ab Stjørdal auf einer Strecke von 32 km mautpflichtig. Deshalb beschlossen wir, immer am Trondheimfjorden entlangzufahren, auch wenn wir dadurch langsamer vorankamen als auf der E6. Man darf nur nicht den Abzweig verpassen, sonst landet man automatisch auf der Mautstrecke. In Stjørdal bogen wir in Richtung Hell ab und hielten dann auf Hommelvik zu. So wurden wir über die Autobahn hinweg und an dieser vorbeigeführt. An jeder Kreuzung wurde versucht, die Autofahrer in Richtung Trondheim auf die Autobahn zu lotsen. In Ranheim muß man sich an das Schild zum Stadtzentrum halten, sonst muß man für das kurze Stück nach Trondheim viel Geld bezahlen. Wir hatten Glück: bei der Einfahrt in die Stadt gab es zwar eine Mautstelle, aber seit 5. Januar 1998 wird hier nur noch Montag bis Freitag zwischen 6 und 18 Uhr kassiert, 12 NOK pro PKW. Wir waren nach 18 Uhr da. Von der Autobahn her zahlt man zwischen 20 und 40 NOK.
Die Stadt ist katastrophal in Bezug auf einen Parkplatz. Überall Park- oder Halteverbot, selbst am Hafen. Sonst nur Parkuhren mit unverschämt hohen Preisen. An der teuersten Parkuhr zahlt man 10 DM für eine halbe Stunde! Völlig entnervt wollten wir das Auto abstellen, schnell durch die Stadt wetzen und weiterfahren. Da trafen wir Armin, einen ehemaligen Student aus Karlsruhe, der seit zwei Jahren hier wohnte. Er verriet uns, daß man in der Nähe der Festung Kristiansten kostenlos mal für eine Nacht und einen Tag stehen könne. Das nutzten wir natürlich und kamen so zu einem Übernachtungsplatz nach 361 km und zu einem herrlichen Aufenthalt in der schönen Stadt.
Noch am Abend wanderten wir die steile Straße an den Fluß hinunter. Die Straße ist so steil, daß man für die anwohnenden Fahrradfahrer einen Fahrradlift gebaut hat. Auf Hinweis von Armin statteten wir der Kneipe "Den gode Nabo" (Der gute Nachbar) einen Besuch ab. Sie befindet sich unter dem teuersten Restaurant von Trondheim, "Brygge". Das Haus ist ein alter Speicher direkt am Nidelv-Fluß. Wenn man auf der Bybru, der Stadtbrücke mit leicht kitschiger Holzornamentik, steht, sieht man rechts und links des Flusses die alte Speicherstadt, heute als Gaststätten oder Parkhaus genutzt. Im "Gode Nabo" erhalten alle Anwohner, die sich gute Nachbarn nennen, einen Rabatt von 50 % auf jedes Getränk. Es war 0.30 Uhr morgens, als wir die Steile hinaufkraxelten, und immer noch Abendrot am Himmel.
Unsere Stadtbesichtigung begannen wir bei 17 - 18 °C und aufgelockerter Bewölkung. Trondheim ist mit 140.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes und die nördlichste Großstadt Norwegens. Von der Kristiansten Festung, als Teil umfangreicher Verteidigungsanlagen 1682-84 erbaut, einmal während der schwedischen Belagerung 1718 bewährt und 1816 aufgegeben, hatten wir eine beeindruckende Übersicht über die Stadt, in deren Zentrum sich der Nidarosdom befindet, die größte Kirche Skandinaviens und Wahrzeichen Trondheims. Das gewaltige Bauwerk wurde 1070 begonnen und ist 102 m lang, 50 m breit und im Innern 21 m hoch. Zu breit, um sie ohne Weitwinkelobjektiv auf ein Foto zu bannen. Zwei große Gruppen Kreuzfahrtpassagiere von der Hurtigrute waren da. Wir sind deshalb und wegen des teuren Eintrittes (20 NOK; Turm 5 NOK) nicht hineingegangen. Hinter dem Dom liegt der Sitz des Erzbischofs (Erkebispegården). Das Palais des Erzbischofs ist eines der ältesten Gebäude in Skandinavien. Die ältesten Teile des Bauwerkes stammen aus der 2. Hälfte des 12. Jh.
Nächstes Ziel war die Liebfrauenkirche, eine schöne Kirche, die mal keinen Eintritt kostete. Sie ist die älteste bewahrte Gemeindekirche der Stadt und stammt aus dem Jahre 1150. Auf dem Weg in Richtung Hafen kamen wir an Stiftsgården (Stiftshof) vorbei, die königliche Residenz bei Haralds Besuchen in Trondheim. Es wurde 1774-78 für die Geheimrätin Cecilie Christine Schøller als privates Rokokopalais errichtet und ist das größte Holzpalais des Nordens, freundlich gelb gestrichen. Auf 3.000 m² befinden sich 100 Räume.
Die Fiskehallen (Fischhalle) ist sehenswert. Sie ist nicht sehr groß, aber dort gibt es jede Art von Frischfisch zu kaufen und alles ist blitzsauber. Wir nutzten das gleich für ein Fischmenü zu 135 NOK, bestehend aus zwei Krabbenbaguettes, einem Lachsbaguette und einem Salat mit gekochtem Lachs. Durch großen Verkehrslärm wanderten wir zurück, genossen die Hafenhäuser und den Fahrradlift in Betrieb.

Gegen 13.45 Uhr verließen wir Trondheim, mittlerweile bei 22 °C. Trondheim war eigentlich das Ziel unserer Reise durch Nordnorwegen. Nun hatten wir noch dreieinhalb Tage Zeit, bis unsere Fähre nach Rostock geht. Also beschlossen wir, einen Teil von Norwegens Osten mitzunehmen, um uns diesen Teil bei einer eventuellen späteren Südnorwegen-Reise zu sparen. Bei Støren wurden wir von einem derart starken Platzregen mit riesigen Tropfen überrascht, daß binnen kürzester Zeit alles klatschnaß war. Hier bogen wir von der Europastraße E6 auf die Straße 30 nach

Røros

ab. Diese Straße wurde uns von Armin empfohlen, da sie erstens nicht so befahren und zweitens die landschaftlich schönere sein soll. Als wir in der Erzbergbaustadt Røros ankamen, regnete es noch, hörte aber kurz danach auf. In 628 m Höhe gelegen, verdankt die Stadt ihre Existenz der Entdeckung von Kupfererz vor etwa 350 Jahren. Es ist der am besten erhaltene Bergwerksort in Norwegen. Die erste Kupferhütte wurde 1644 gegründet. Vieles blieb in der Stadt so erhalten, wie es zu Zeiten war, als der Kupferbergbau in Blüte stand. 1977 wurde die letzte Kupfermine der Region stillgelegt. Røros fand in der Liste "Kulturerbe der Menschheit " der UNESCO Aufnahme, weil die ganze Stadt nur aus Holzhäusern besteht. 75 der bis zu 250 Jahre alten Gebäude stehen unter Denkmalschutz.
Zwischen Bahnhof und Kirche findet man in der Altstadt die Straßen Kjerkgata und Bergmannsgata mit vielen historischen Gebäuden, z. B.: Der Bergskrivergård mit Werkskontor von 1793 war die ehemalige Verwaltung des Bergwerkes. Über dem Portal sieht man als Holzrelief das Wappen der Bergwerksgesellschaft. Der Direktørgård von ca. 1790 ist seit 1939 das Rathaus von Røros. Es ist eines der größten Gebäude der Stadt. Eines der ältesten Häuser ist der Rasmusgård von ca. 1680. Der dreistöckige Bekholdtgård entstand ca. 1770 und ist das älteste Haus mit 3 Geschossen.
Das einzige Steingebäude in der hölzernen Stadt ist die über der Stadt thronende Kirche von 1784. Leider konnten wir nicht hinein, da gerade ein Orgelkonzert gegeben wurde. Der Kirche angeschlossen ist ein riesiger Friedhof. Einen so großen Friedhof habe ich noch nie gesehen.
Das Rørosmuseet gibt einen guten Eindruck vom Leben der Bergleute, der Bergbauern und Bergsamen.
Normalerweise gibt es eine Führung durch die Erzhalden und die uralten Häuser. Aber es war schon spät und ansehen konnten wir uns die Museumsstraße trotzdem. Es war, als wären die Bewohner gerade mal kurz weggegangen.

Østland (Hedmark)

Wir übernachteten nach 187 km bei Håmålvoll im Wald in der Nähe des Flusses Glåma, mit nahezu 600 km der längste Fluß Norwegens. Hier sah Bertram mit seinem biologischen Kennerblick einen Wildwechselpfad für Elche, den er am Kothaufen erkannt hat. Wir fragten uns, ob wir Elche sehen würden. Aber wenn man auf etwas wartet, dann passiert nichts. Es war uns nicht vergönnt, ein zweites Mal das scheue Tier zu sehen.
Gegen 9.30 Uhr brachen wir bei stark bewölktem Wetter in Richtung Schweden auf. Im Reiseführer fanden wir den 1.666 m hohen und 80 km von Røros entfernten Aussichtsberg Tron. Von hier aus soll man einen grandiosen Blick über Østerdalen, zu den Rendalssøln, Fermundsberget, Alvdalssøln, Dovre und Rondane haben. Es war ein quälender steiler Schotterweg mit Schneebaken an der abschüssigen Bergseite, den wir durch alle Vegetationsschichten des Landes nach oben zurückzulegen hatten. Auf halber Strecke bei einer Wetterhütte stand plötzlich ein provisorischer Schlagbaum "Weg gesperrt" - ohne vorherige Ankündigung. Entweder der Besitzer wollte niemandem den Ausblick gönnen - am Anfang der Schotterstraße stand nämlich eine Minihütte mit einem Briefkasten davor, in den man die Maut von 40 NOK einwerfen sollte. Oder - und das erschien wahrscheinlicher - durch eine Lawine und Geröll war der Weg tatsächlich versperrt. Durch das Fernglas sah es jedenfalls danach aus. Außerdem lohnte es sich nicht, weiter nach oben zu fahren. Dicke Regenwolken versperrten die schöne Aussicht. Kurzer starker Regen und Hagel ließen die Temperatur auf 1.300 m Höhe binnen kurzer Zeit von 10 °C auf 7 °C sinken. Wir wollten eine Abkürzung nach Alvdal auf die Straße zurück nehmen. Aber der Feldweg war ebenfalls eine Privatstraße, für dessen Benutzung wir hätten 25 NOK zahlen müssen. Die wollten sogar für Wohnwagen, Busse und LKW 40 NOK abkassieren. Bleibt nur die Frage, wie würden diese drei Fahrzeugarten den Abstieg und die Enge verkraften?

Nächstes Ziel war der Jutulhogget in einer urwüchsigen Landschaft. Der Sage nach entstand die Schlucht, auch "Hieb des Riesen" genannt, als Resultat des Streites zwischen dem Riesen aus Rendal und dem Riesen aus Glåmdal. Tatsächlich wurde die Schlucht vor ungefähr 9.000 Jahren durch eine enorme Naturkatastrophe gebildet: Vor ungefähr 10.000 Jahren, als die letzte Eiszeit von einem milderen Klima abgelöst wurde, waren Teile des Østerdals und des Rendals von einem großen Binnenwasser bedeckt. Das Wasser wurde von dem großen Gletscher weiter südlich aufgestaut. Im Laufe der Abschmelzperiode entstanden mehrere große Eisstauseen. Der See, der die Katastrophe verursachte, muß 140 km lang gewesen sein. Die Wasserfläche lag 665 m über dem Meeresspiegel. Der See wurde durch eine Schwelle, die ein riesiger Gletscher bedeckte, von der niedriger liegenden Talsohle getrennt. Durch die Klimaerwärmung begann die Eisstauung zu schmelzen und die Schwelle wurde schwächer. Eines Tages vor zwischen 9.500 und 8.500 Jahren wurde der Druck an der Stauung so groß, daß das Wasser nicht mehr auf dem Platz gehalten werden konnte und sich durch das Rendal entleerte. Wirbelströme rissen Gesteinsblöcke von der Gebirgsmasse mit sich, die Wasserfläche sank von 665 m ü.d.M. auf 510 m ü.d.M. Dabei wurden große Mengen Energie ausgelöst, und mit großer Kraft wurden die Schlucht zwischen dem Østerdal und dem Rendal ausgeschnitten.

Eine kleine kurvenreiche Straße entlang der Schlucht verbindet die Straße 3 mit der Straße 30. Ab und zu überraschten uns starke Regenschauer. Wir schauten uns die Schlucht von oben an, obwohl man sie durchaus sogar begehen kann.
Bei Sonnenschein und vielen Mücken machten wir eine Kaffeepause am Fluß, an einem illegalen Campingplatz für Angler. Angeln ist hier in Norwegen sehr teuer. Es gibt Preise für Einheimische, Preise für Norweger und Preise für Ausländer, aufsteigend in genannter Reihenfolge.
An einem kleinen See vor Rena fanden wir nach 211 km einen schönen Parkplatz mit WC. Hier wollten wir unsere letzte Nacht in Norwegen verbringen. Bertram fand einen toten Weißfisch (Sik). Er war noch sehr frisch. Irgendjemand - unklar ob Mensch oder Tier - hatte ihm die Augen ausgestochen. Zuerst wollten wir uns den Fisch zum Abendessen zubereiten und Bertram fing auch schon an, das Tier zu zerlegen. Aber dann bekamen wir einen furchtbar neugierigen norwegischen Jungen als Zuschauer und ein wenig Angst, denn Angeln ohne Erlaubnis ist strafbar - und wie will man beweisen, daß der Fisch schon tot war? Außerdem kannten wir beide uns viel zu wenig mit Fisch aus, als daß wir sagen können, der ist noch richtig frisch. Und eine Fischvergiftung können wir uns nicht leisten. Also bekamen die bereits wartenden Krähen ein Festmahl am Abend. Nachts wurde es immer noch nicht richtig dunkel. Man konnte nur die hellsten Sterne sehen. Die bürgerliche Dämmerung warf ein märchenhaftes Licht auf den See.
Gegen 8.30 Uhr am nächsten Morgen brachen wir auf. Es waren 13 °C, leicht bewölkt und es wehte ein stürmischer Wind aus Nord. Wir fuhren durch das Østerdalen nach Elverum. Von 10 bis 15 Uhr hielten wir uns in dem Forst- und Freilichtmuseum auf. Mit einer Eintrittskarte konnten wir beide Museen besichtigen. Das Skogbruksmuseet ist das Forstmuseum. Hier gibt es nur Prospekte in englisch und norwegisch. Deutsch lohne sich nicht aufgrund der "wenigen" Touristen. Die Erklärungen an den Exponaten waren in norwegisch und - wenn überhaupt - in spärlicher englischer Zusammenfassung. Im Museum wird über Jagd und Fischerei berichtet, über Forstwirtschaft und Tierzucht gestern und heute. Man kann alle Tiere der norwegischen Fauna besichtigen - zumindest ausgestopft. Durch eine Hängebrücke über ei-nen künstlichen Wasserfall ist das Forstmuseum mit dem Glomsdalmuseet verbunden. Das drittgrößte Freilichtmuseum Norwegens war schön hergerichtet. Hier erhielten wir sogar einen Prospekt in deutscher Sprache. Aber die meisten alten wiederaufgebauten Holzhäuser des Østerdalen, in die man hineingehen könnte, waren verschlossen. Wahrscheinlich kriegt man die nur mit kostenpflichtiger Führung zu sehen. Es gab u. a. eine Ladenbaracke aus dem Jahre 1940, die bis 1984 betrieben wurde, und eine Schule von 1865 zu sehen. Im Steinbau von 1938/39 befindet sich die 1902 gegründete Apotheke "Elgen" (der Elch) aus Rena sowie die medizingeschichtlichen Ausstellungen "Apotheke" und "Der alte Hausarzt" (Gammeldoktoren), sehr anschaulich zusammengestellt... Der kleine Apothekergarten, der 1992 in Anlehnung an die beiden genannten Ausstellungen neben dem Steinbau angelegt wurde, enthält 100 verschiedene Heilpflanzen, die aus der Volks- und Schulmedizin bekannt sind.

Auf Wiedersehen...

In Kongsvinger besorgten wir uns die letzten Lebensmittel, bevor wir kurz nach 19 Uhr bei Magnor auf der Straße 2 die Grenze zu Schweden passierten. Wieder ohne Kontrolle. Zwischen 21 und 22 Uhr, irgendwo auf der Strecke zwischen Grenze und Göteborg, machten wir eine kurze Pause für das Abendbrot. Bertram wollte heute abend noch bis zur Autobahn kommen, damit morgen nicht zuviel Weg vor uns liegt. 411 km hatten wir an diesem Tag zurückgelegt.
Gegen 8 Uhr morgens ging es bei 16 °C und leichten Regenschauern auf der Autobahn in Richtung Trelleborg weiter. Bei einer Rast stellte Bertram fest, daß sich der linke Hinterreifen dermaßen abgenutzt hatte, daß wir bereits auf dem Metallgürtel fuhren. 700 km vor dem Ziel mußten wir nun doch eine Werkstatt aufsuchen, denn wir hätten es nicht mal bis Trelleborg geschafft. Bei Varberg hatten wir Glück, eine VW-Autowerkstatt zu finden. Der junge Mechaniker brauchte nicht sehr lange, den Reifen zu wechseln und unseren defekten Ersatzreifen vom Nordkinn, der immer noch nicht ersetzt war, zu tauschen. Schon bald konnten wir unseren Weg fortsetzen.
Ursprünglich hatten wir die Fähre 15.15 Uhr am Samstag reserviert. Nun waren wir doch schon einen Tag früher am Fähranleger. Da die Fähre um 15.15 Uhr ausgebucht war, reihten wir uns in die Warteschlange ein. Die Fähre war dann doch nicht so voll - oder es sind viele nicht gekommen. Jedenfalls hatten wir Glück und mußten nicht auf die nächste warten. Mit Verspätung ging es um 15.40 Uhr los. Die See war recht stürmisch. Einen Tag vorher soll sogar Windstärke 6 geherrscht haben. Und wieder liefen überall die Fernseher. Diesmal jedoch nicht ganz so laut, so daß wir noch etwas ausruhen konnten während der 6 Stunden Überfahrt.
Kurz nach 22 Uhr kamen wir im Rostocker Überseehafen an. Es war schon komisch, solch absolute Dunkelheit. Nach fast drei Wochen Dunkelheits-Abstinenz müssen wir uns wieder daran gewöhnen. Erst ca. 140 km vor Berlin fanden wir einen Rastplatz zum Übernachten. Wir hatten bis dahin 509 Auto- und 163 Fährkilometer zurückgelegt.
Bei 12 °C und regnerischem Wetter starteten wir gegen 9.30 Uhr, um die letzten 332 km nach Dresden zurückzulegen.

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