Ausflug nach Otaválo
- eine Kaffeefahrt auf Ecuadorianisch -
20. Oktober 2001

Es war 7.30 Uhr, als wir von Jürgen, unserem deutschen Reiseleiter, vom örtlichen Reiseleiter Fernando und einem Fahrer vom Hotel in Quito abgeholt wurden. Es war der freie Tag zwischen dem Zusatzprogramm Galápagos und unserer 3-Wöchigen Reise auf der Panamericana nach Süden. Unsere Koffer wurden schon mal zum Rotel gekarrt. Der Ganztagesausflug, den man uns aufgeschwatzt hatte, unternahmen wir mit Fernando: Für 25 US$ zum Indiomarkt nach Otaválo. Der Ausflug – in einem Minibus, wo wir uns vor Enge kaum rühren konnten – entpuppte sich jedoch mehr und mehr als Kaffeefahrt.

Erste Station war Calderón, 10 km von Quito entfernt. Der Ort ist bekannt für die Figürchen aus Brot oder Salzteig, die hier gebacken werden. Nach einer sehr kurzen Vorführung der Herstellung dieser Püppchen bekamen wir fast eine halbe Stunde Zeit, um Lamas, Vögel, tropische Fische, Menschen und christliche Heilige aus Brotteig sowie viel anderen Kitsch für teures Geld zu erstehen. Doch wir – und die anderen Rotelianer, die mit uns auf Tour waren - ließen sich nicht darauf ein.

Am Lago de San Pablo erneut ein Halt. Der See ist 4 km lang und wird vom Vulkan Imbabura (4.560 m NN) überragt. Abermals eine halbe Stunde Zeit, um Decken und andere Webarbeiten von den hier "zufällig" herumsitzenden Indígenas zu erwerben. Nur hatten wir alle dazu gar keine Lust. Allgemeines Herumstehen war die Folge. Fernando wurde langsam etwas ungeduldig.

Dann ging es auf der Panamericana-Norte nach Otaválo [2.530 m NN, 22.000 Ew.], einem der beliebtesten Touristenziele in Ecuador. Das in der Woche eher verschlafene Städtchen wird am Samstag mit seinem bunten Markt ein lebhaftes Handelszentrum, wo am Abend dann die guten Geschäfte vom Vormittag gefeiert werden.

Indiomarkt in Otaválo Die indianischen Händler finden sich schon im Morgengrauen schwer bepackt auf der Plaza centenario, heute meist Poncho-Plaza genannt, ein und beginnen mit dem Aufbau ihrer Ware. Ab 7 Uhr beginnt dann das Marktgeschehen. Hier wird alles gehandelt, was man zum Leben braucht: Ponchos, Decken, Textilien in allen Farben, Qualitäten, Preisen und Größen, wertvolle Wollarbeiten, Panamahüte und Töpferwaren, aber auch Obst und Gemüse, Haushalts- und Kosmetikartikel und Kleintiere für die Pfanne. Ab und zu findet man Imbissstände mit dicken Eintöpfen oder ganzen geschmorten Schweinen. Wer auf dem Markt etwas erstehen möchte, sollte so früh wie möglich da sein. Nicht nur die Auswahl ist dann größer, man hat auch mehr Zeit, sich umzusehen. Die Preise steigen mit jedem ankommenden Touristenbus. Und die meisten Touristen kommen erst gegen Mittag. So wie wir.

Wir erreichten den Markt gegen 10.15 Uhr. Das Marktgeschehen hatte sich nun bereits dem Tourismus angepasst. Nur noch wenige Einheimische waren unterwegs, die meisten typischen Marktstände Kitsch- und Souvenirständen gewichen. Und Fernando gab uns ausführliche eineinhalb Stunden Zeit, abermals einzukaufen. Wir konnten uns dem Gedanken nicht verwehren, dass Fernando überall dort Prozente bekommt, wo er seine Gäste hinschleppt. Ein kurzer Spaziergang über den Markt und wir hatten 1 kg Bananen für 50 Centavos, die uns als Mittagessen genügen würden, erstanden. Den Rest der Zeit verbrachten wir auf einer Parkbank außerhalb des bunten Getümmels.

Die Otavaleños sind der einzige wohlhabende Indiostamm, bedingt durch ihre Webereien und deren geschickten Verkauf an Touristen. Als der Fremdenverkehr in Ecuador begann, erkannten die Otavaleños ihre Marktchance. Viele der ehemaligen Bauern wurden Weber; heute sollen ca. vier Fünftel aller Otavaleños von der Textilherstellung leben. Die in Deutschland als Straßenmusiker auftretenden Indios gehören ebenfalls fast immer zu den Otavaleños. Deren Frauen sind an ihren weißen, manchmal bestickten Blusen, dunkelblauen Röcken und mehreren Gold-Halsketten zu erkennen; die Männer tragen Zopf und Filzhut, eine weiße dreiviertellange Hose und ein weißes Hemd, darüber einen dunkelblauen Poncho. Alle anderen Stämme sind sehr arm und gehören zur Unterschicht Ecuadors. Da der Staat von nur 20 (!) – weißen – Familien beherrscht wird, richtet sich ihr Hass natürlich gegen alle Weißen.

Um 11.45 Uhr Aufbruch nach Peguche, wo Fernando uns zeigen wollte, wie die Indios leben und ihre Waren herstellen. Da saß ein Mann mittleren Alters an einem Webstuhl in einem kahlen Raum. Fernando unterhielt sich mit dem Mann, während wir filmten und fotografierten. Er dachte offenbar, dass niemand verstehen würde, wie er sich bei dem Weber über uns beschwerte: Er führe uns von einem Ort zum anderen, aber wir würden leider zu wenig kaufen (was offenbar seinem Geldsäckel mehr schadet als den Händlern). In einem anderen Raum, absolut finster, spann eine uralte Dame Wolle. Hinter einem Regal entdeckte ich ein Bett und so etwas wie eine Küche. Zwischen unseren Beinen quiekten Meerschweinchen, die hierzulande als Delikatesse gelten (9 US$ in einem einfachen Restaurant). Wir mussten nun, da wir abermals nichts kauften, der alten Dame ein extra Trinkgeld fürs Foto geben. Doch sie beschwerte sich bei Fernando, dass sie nicht von jedem mindestens 1 US$ bekam (das waren 2,20 DM)!

Unser nächstes Ziel hieß Cotacachi, Zentrum der Lederwarenherstellung. Hier lud uns Fernando zum Mittagessen vor einem Nobelrestaurant ab. Tatsächlich parkte unser Kleinbus direkt in dessen Einfahrt! Hier kostete eine Mahlzeit mindestens 10–15 US$. Auch hier hatten wir viel Zeit, knapp eineinhalb Stunden, denn ein Ledergeschäft (Jacken, Stiefel, Gürtel, Handtaschen, Koffer, Rucksäcke, Geldbörsen) reiht sich ans andere. Diese könnten genauso gut irgendwo in New York, Paris oder München stehen – Geld spielt keine Rolle, man akzeptiert alle Kreditkarten!!! Wir beide sowie Ingrid und Herbert aus Wien zogen es vor, in einem Park ein Sonnenbad zu nehmen und unser Obst zu essen. Als wir wieder zurück zum Minibus kamen, sah uns ein Kellner des Restaurants schon von weitem und verschwand in seinem Restaurant – um kurze Zeit später mit den Speisekarten wieder vor die Tür zu treten. Aber wir taten ihm den Gefallen nicht, in seinem Etablissement zu essen.

Wahrscheinlich würde für den letzten Programmpunkt, einen Bergsee, – wie auch bei Kaffeefahrten in Deutschland – nicht mehr allzu viel Zeit bleiben.

Laguna de Cuicocha Tatsächlich hatten wir für die Laguna de Cuicocha (= Meerschweinchen-See) [3.070 m NN] im Naturschutzgebiet Cotacachi-Cayapas nur noch eine knappe halbe Stunde. In diesem Schmelz- und Regenwassersee in einem Einsturzkrater befinden sich zwei unbewohnte Inseln. Seine Steilufer und der Kraterrand sind mit tollen Pflanzen, darunter etliche Orchideen und Bromelien, bewachsen. Der See wird vom erloschenen Vulkan Cotacachi [4.939 m NN] überragt. Ein gut ausgetretener Wanderweg führt in 5 bis 6 Stunden einmal rund um die Lagune. Von hier ergeben sich immer wieder schöne Ausblicke über die faszinierende Berglandschaft mit den Vulkanen Cotacachi, Imbabura und – wenn man besonderes Glück hat – Cayambe. Hier hätten wir es lässig einige Stunden ohne Langeweile ausgehalten!

Anschließend ging es 2 Stunden nonstop zurück nach Quito. Dabei fuhren wir großzügigerweise am Äquatordenkmal "Mitad del Mundo", das an der Strecke lag, von dem wir aber leider nichts wussten, vorbei. (Dafür würden wir am anderen Tag einen weiteren Ausflug für je 12 US$ mit der gesamten Rotel-Gruppe – und Fernando - dorthin unternehmen können!) Fernando verpennte die ganze Fahrt, ohne sich noch weiter um uns zu kümmern. Er war mächtig sauer, dass wir ihm seine Prozente durch Nichts-Käufe vermasselt hatten.

Im Restaurant in Cotocachi war er der Einzige, der sich den Bauch vollgeschlagen hat.

Copyright © 2001 Regine Werle. Alle Rechte vorbehalten


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