Auf der Panamerikana von Quito nach Santiago de Chile
- und stopover Rio de Janeiro zurück

(21.10.2001 - 14.11.2001)
Teil 1: Ecuador (Quito und die Straße der Vulkane)

I. Quito

Von Galapágos zurückgekehrt, begann eine 3-Wöchige Tour mit dem Rollenden Hotel (ROTEL) entlang der Panamerikana. Erste Station war Ecuadors Hauptstadt Quito am Sonntag, 21. Oktober 2001. Um 9 Uhr war Start für eine Stadtrundfahrt.

Die Ciudad colonial, die Altstadt, ist architektonisch und atmosphärisch interessanter als das moderne Quito, leidet aber sehr unter der Armut der hier lebenden Menschen. Die Oberschicht hatte schon vor Jahrzehnten die Altstadt verlassen. Die Folge war, dass die ehemaligen Herrschaftshäuser vernachlässigt wurden und langsam verfielen. Quito ist eine der am schnellsten wachsenden Städte des Landes. 1974 gab es dreimal so viele Einwohner wie 1950, und heute doppelt so viel wie 1974, ca. 2 Mio. Der Stadtrundgang führte zu den Hauptsehenswürdigkeiten aus der spanischen Kolonialzeit. Das historische Zentrum umfasst weniger als 1 km². Aber es hat so viele historische Sehenswürdigkeiten, dass die UNESCO die Altstadt Quitos als Weltkulturerbe anerkannte.

Anders als bei vielen Kirchen in Quito sind die Wände und Säulen der dreischiffigen Iglesia de San Agustín nicht verkleidet, sondern mit Fresken bemalt, u. a. eine Auferstehung Christi. Die 1573 erbaute Kirche sowie das dazu gehörige Kloster, heute noch von Mönchen bewohnt, beherbergen einige der besten Werke von Miguel de Santiago, einem Maler der Schule von Quito.

Die Plaza de la Independencia ist der Treffpunkt in der Altstadt. Überall standen Polizisten, die zum Schutz der Touristen vor Taschendieben patrouillierten. Von ihnen bekamen wir den Tipp, Rucksäcke auf den Bauch zu schnallen. Zeitungsverkäufer und Schuhputzer warten hier auf Kunden, zwei Rentner auf einen dritten zum Plauschen, junge Leute auf Freunde und Taschendiebe auf arglose Touristen. Immer wieder sahen wir sie, niemals allein, oft in Gruppen zu zweit oder zu viert. Zwei aus unserer Gruppe haben die Erfahrung mit Taschendieben am eigenen Leib erlebt: Sie waren so leichtsinnig, ihre Geldbeutel offen in der hinteren Hosentasche zu tragen. Man bespritzte beide Herren "aus Versehen" mit Senf – das ganze Hemd und ein Teil der Hose waren verschmutzt – und wollte dann den Schaden wieder gutmachen, indem man mit Papiertüchern alles noch mehr verschmierte, nur um dann ganz nebenbei den Geldbeutel zu klauen. Die beiden hatten diese Absicht zum Glück noch rechtzeitig bemerkt! Der Regierungspalast an der Nordseite des Platzes wird von zwei Bajonett bewehrten Soldaten in historischen Uniformen bewacht. Ursprünglich wurde der Palast für den Präsidenten der Real Audiencia von Quito errichtet; auch heute residiert hier der jeweilige Präsident.

Kathedrale Auffälligstes Gebäude an der Plaza de la Independencia ist die Kathedrale. An der der Plaza zugewandten Seite erinnern in die Wand eingelassene Tafeln an die Gründer der Stadt, eine davon ist Francisco de Orellana, dem Entdecker des Amazonas, gewidmet. Das heutige Aussehen erhielt die Kathedrale nach 1755. Der neoklassizistische Bau weist einige Besonderheiten auf: Zur Plaza wurde ein Vorraum gebaut, der u. a. dem Ausgleich des Fundamentes diente und den nicht getauften Indígenas die Möglichkeit bot, ebenfalls der Messe beizuwohnen. Der Chorumgang ist gotisch, in den barocken lateinamerikanischen Kirchen eine Seltenheit. Im Vergleich zu anderen Kirchen in Quito ist die Kathedrale im Innern relativ schlicht. Leider fand gerade eine Messe statt, sodass wir nicht die Möglichkeit hatten, die Sarkophage des ecuadorianischen Nationalhelden Antonio José de Sucre und des ersten Präsidenten des Landes, General Juan José Flores, sowie die berühmte Kreuzabnahme des Holzschnitzers Caspicara zu sehen. Gottesdienste wirken hier sehr fröhlich und sind immer gut besucht; in Deutschland wirken die Lieder eher traurig.

Wir marschierten nun weiter zur Kirche El Sagrario, die einst die Hauptkapelle der Kathedrale war und deshalb mit ihr verbunden ist. In ihrem Inneren herrscht der übliche überladene Barockstil, der sog. Churrigueresco-Stil. Auch hier war gerade Messe. Die Jesuitenkirche La Compañía in derselben Straße hat die schönste Außenfassade. Die Jesuiten waren der letzte Orden, der sich in Quito niederließ (1586). Erst 1596 konnten sie das Grundstück für ihr Gotteshaus erwerben. Daher steht La Compañía heute etwas eingezwängt zwischen anderen Bauwerken. Der Bau begann 1605, wurde aber erst 1770 komplett beendet. Die Fassade besteht aus Andesit, einem unscheinbar grauen vulkanischen Gestein. Der aus Bamberg stammende Jesuitenpater Leonard Deubler schuf ab 1722 daraus aber ein Meisterwerk: weinumrankte gedrehte Säulen, mit Blattwerk und Sternen geschmückte Friese, Engels- und Heiligenfiguren sowie eine von Blattschmuck umrankte Statue der Muttergottes über dem Portal. Die Kirche gilt als ein großartiges Beispiel der Quiteño-Barockkunst.

Das Hotel San Francisco, an dem wir vorbeikamen, hat ein kleines Café, "Quiteño Libro", das in einem hübschen Innenhof steht. Nächstes Ziel war die Plaza Santo Domingo. Die Trolleybusse, die seit 1995 hier fahren, sind eine ökologische Alternative zu den stinkenden Abgasen. Die schöne Iglesia Santo Domingo wirkt innen ziemlich schlicht, nur die Rosenkranz-Kapelle (Capilla de Rosario), die sich über einem Torbogen befindet, fällt mit ihrer rot und golden bemalten Eichenholzverkleidung ins Auge. Vor der Kirche erinnert ein Denkmal an Antonio José de Sucre.

Iglesia San Francisco Letzter Punkt des Stadtrundganges war die Plaza San Francisco. Sie wird dominiert von der Iglesia San Francisco, wo auch gerade eine schöne Messe stattfand. Der äußere Eindruck ist beeindruckend: von der großen Plaza führt eine geschwungene Treppe zum Hauptportal hinauf, die Wände sind so strahlend weiß, dass der dunkle vorgeblendete Fassadenschmuck sofort ins Auge springt. Die Franziskaner – sie waren die erste in Quito niedergelassene Ordensgemeinschaft – begannen 1535 mit dem Bau der Kirche und vollendeten sie erst 70 Jahre später. Heute hat sie jedoch nicht mehr das ursprüngliche Aussehen; so sind z. B. die die Fassade einrahmenden Türme seit einen Erdbeben 1868 nur noch halb so hoch wie beim Bau. Im gleichnamigen – und Quitos ältestem – Kloster errichteten die Franziskaner 1552 eine Kunst- und Handwerksschule, die erste dieser Art in Südamerika. Die religiösen Kunstwerke der Quito-Schule waren in ganz Lateinamerika begehrt. Einer der bekanntesten Schüler war Manuel Chili („Caspicara"). Auf der meist recht leeren Plaza war heute viel los. Da standen Buden, wo die Indios ihre Waren feilboten und die Frauen sich sofort wegdrehten, wenn sie eine Kamera auch nur ansatzweise sahen. Da liefen einem die 5–7-Jährigen Jungen hinterher und wollten unbedingt Schuhe putzen. Rundtänze Und dann war da noch die große Menschentraube, die einen Kreis um eine Gruppe Rundtänze aufführender Indios bildete. Bertram stand, den Rucksack auf dem Rücken, filmend mitten im Pulk, als ich sah, wie sich drei verdächtige Personen hinter ihm postierten. Mit einem großen Satz war ich bei ihm und zog ihn weg. Wir wussten nicht, ob die Filmaufnahmen überhaupt etwas werden würden, denn selbst der große Bertram konnte nichts sehen und hielt die Kamera einfach in die Höhe.

Um 11.40 Uhr holte uns der Bus wieder ab. Vor der Abfahrt bekamen wir die Aggressivität und den Hass der Einheimischen auf die Weißen zu spüren: wir wurden von einem Vorbeigehenden mit voller Wucht durch das geöffnete Busfenster mit Maiskörnern beworfen!

Den Hass kann sicher jeder verstehen, der sich ein wenig mit der Geschichte Lateinamerikas beschäftigt. Die Spanier haben Südamerika erobert, das Gold geraubt, die Menschen versklavt und unterdrückt. Auch heute ist das gesellschaftliche Schönheits- und Erfolgsideal an der weißen Minderheit orientiert. Zur fast ausschließlich weißen Oberschicht gehören 1 % der Bevölkerung, 20 alteingesessene Familien und neureiche Unternehmer. Sie besetzen die Spitzen von Staat, Wirtschaft und Militär, profitieren von jedem wirtschaftlichen Wandel des Landes. Isoliert von der Außenwelt und abgeschottet vom Rest der Bevölkerung lebt die Oberschicht in Wohnbezirken am Rand der Innenstädte oder in großen Apartmenthäusern hinter dunkel getönten Scheiben, mit hohen Zäunen und Alarmanlagen gesichert. Man hat eigene Schulen, lässt die Kinder im Ausland studieren und seinen Reichtum auf den Gesellschaftsseiten der Tageszeitungen darstellen. Im Gegensatz dazu muss der einheimische Normalbürger in der Unterschicht seine Kinder zur Einkommenserwirtschaftung mit heranziehen. Wie oft wurden wir – nicht nur in Ecuador – von 3-Jährigen an der Hose gezupft, die Bonbons verkaufen wollten (1 US$/St [= 2,20 DM = 1,125 €]; vor Währungsumstellung auf US$ waren es noch 1 S/. pro St [= 0,33 €] – erinnert irgendwie an die Umstellung auf € –) und mussten (!), um zu überleben. Wir empfanden die vielen Schuhputzer penetrant und lästig, sie aber benötigen das erhaltene Geld zum Leben. Und Touristen sind fast immer weißer Hautfarbe, sind reich und können sich das leisten, denkt der Ecuadorianer. Doch dass es auch Touristen gibt, denen 1 US$ für ein Bonbon zu viel Geld ist, können sie nicht verstehen. Und so gerät man in einen Zwiespalt: einerseits möchte man den Menschen helfen, weil man sie versteht; andererseits erlaubt es die Reisekasse und das Bankkonto nicht, jedem „Bettler" und Schuhputzer 1 US$ oder mehr zu geben.

Aussicht vom Panecillo Für die Aussicht vom Gipfel des Panecillo [3.050 m NN], einem Vulkankegel oberhalb der Stadt, auf die Stadt Quito blieben leider nur 10 Minuten Zeit, da uns Fernando zuvor noch zu einem Ramschladen kutschierte. Man sollte stets mit Taxi oder Bus auf den Berg fahren. Auf dem Fußweg ist man immer wieder Überfällen ausgesetzt. Auf dem Panecillo steht eine monumentale Engelsstatue, die man für ca. 2 US$ auch besteigen kann. Die Statue, die unter ihren Füßen einen Drachen niederhält, wirkt ein wenig schief und leidend: schräg stehende Flügel, verkrampft angewinkelte Arme. Daher bekam sie von den Einheimischen den Beinamen "Kranke Schwester des Hl. Georg".

Auf dem Rückweg durften – wie war es von Fernando anders zu erwarten – 2 Otavaleño-Mädchen mitfahren: Cristina, 15, und Cecilia, 7 Jahre alt, die uns ein paar Liedchen vorträllerten und dann natürlich ihre Waren an den Mann/die Frau bringen wollten!

Schlusspunkt der Besichtigung von Quito war die Casa de la Cultura, ein großer Rundbau mit verspiegelter Fassade. Hier befindet sich das beste Museum Ecuadors, das Museo Nacional del Banco Central del Ecuador. Es zeigt in vier Abteilungen die Kunst- und Kulturgeschichte des Landes von der frühesten (Valdivia-) Kultur bis heute.

II. Auf der Straße der Vulkane an die peruanische Grenze

Montag, 22. Oktober 2001 (Quito – Chunchi, 336 km)
Dienstag, 23. Oktober 2001 (Chunchi – Treseritos/Pesaje, 275 km)

Von Quito fuhren wir auf der Panamerikana bis Huaquillas, Grenzort nach Perú. Alexander von Humboldt nannte bei seiner Reise durch Ecuador 1802 diesen Weg die "Straße der Vulkane". Die höchsten Berge des Landes liegen an dieser Route: in der Ostkordillere der Cotopaxi, im Westen der höchste Berg Ecuadors, Chimborazo [6.310 m NN]. Aktiv sind heute noch: Antizana [5.704 m NN], Altar [5.320 m NN], der fast ständig rauchende Sangay [5.230 m NN], Tungurahua [5.016 m NN] – er brach 1999 aus und richtete große Schäden an –, Pichincha [4.784 m NN], Sumaco [3.900 m NN] und Reventador [3.485 m NN].

Das Thermometer zeigte 11,5 °C, als sich unser Kombi-Bus, PA-PA 16, gegen 7 Uhr mit 20 Leuten an Bord in Bewegung setzte. Josef, der Fahrer, gab uns Tipps für das "Überleben" auf lateinamerikanischen Straßen. So lassen z. B. Autofahrer Fußgänger nur dann passieren, wenn diese sich mit Handzeichen bemerkbar machen. Er gab uns auch die Erklärung, weshalb die Linienbusse hier so halsbrecherisch rasen: Sie versuchen sich gegenseitig die Fahrgäste abzujagen, denn sie erhalten kein Gehalt, sondern sind am Fahrscheinverkauf beteiligt. Teilweise haben sie Helfer an den Straßen, die ihnen mit Handzeichen zu verstehen geben, wie weit der vorige Bus voraus ist. Entsprechend lassen sich die Fahrer zurückfallen oder rasen noch schneller. Kurz: kein Fahrgast – kein Geld.

Der Gipfel des Cotopaxi war heute in Wolken gehüllt. Mehr dazu in der Geschichte: "Ausflug in den Cotopaxi NP".

Riobamba Über Latacunga [2.850 m NN, 35.000 Ew.], einer Stadt, die ihren kolonialen Charakter bis heute bewahrt hat, ging es nach Riobamba [2.750 m NN; 120.000 Ew.], der Hauptstadt der Provinz Chimborazo. Der Ort wurde im 16. Jh. 20 km westlich gegründet, beim Erdbeben am 4.02.1797 jedoch vollständig zerstört. Heute ist sie die jüngste Stadt des Landes. Montags haben alle Lokale geschlossen. Wenigstens hatten wir uns in Quito mit genügend Obst versorgt. Wir setzten uns in den Parque Maldonaldo und aßen unsere Orangen und Bananen. Dann trafen wir aber noch Josef, der einen Tipp hatte, wo man günstig essen konnte: Der Mann war Kunstmaler, seine Frau führte das Restaurant, die Großmutter kochte und die Tochter kassierte. (Meistens können nur die Kinder, die eine Schule besuchen, überhaupt rechnen, lesen und schreiben.) Wir aßen für nur 2,50 US$ sehr gut und reichlich: Regine eine Cazuela (Suppe mit viel Gemüse, einer Kartoffel, einem kräftigen Stück Fleisch), Bertram ein Tagesmenü, dazu jeder Jugo de Tomate del Arbol (Baumtomatensaft). Na, dann hatte sich der Besuch doch noch gelohnt!

Den Chimborazo bekamen wir auf der Reise leider nie zu Gesicht, da das Wetter sehr schlecht und der Himmel von grauen Wolken bedeckt war. Er ist durch seine Höhe [6.310 m NN] und seine Lage fast am Äquator, wo die Erde am breitesten ist, der Punkt der Erde, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist.

Am Nachmittag kamen wir an dem Dörfchen Alausí [2.356 m NN] vorbei, das aus einer Straße und einer Handvoll Hotels besteht. Von hier aus fahren aber Züge bis ins Tiefland, nach Durán, dem Bahnhof von Guayaquil. Nur im Zickzackkurs lassen sich die 500 m Höhenunterschied in der "Teufelsnase", dem steilsten Stück zwischen Alausí und Bucay auf gerade 2 km Strecke bewältigen. Es ist die steilste Bahnstrecke der Welt und eine technische Meisterleistung. Gebaut wurde die Strecke von 1874-1908. Solche Spitzkehren werden uns später auf der Strecke nach Machu Picchu wieder begegnen.

Es war schon stockfinster, als wir eine Umleitung durch die Berge auf der alten Panamericana nehmen mussten, weil die neue Straße durchs Tal bei einem Erdrutsch weggerissen worden war. Die alte Straße war nur noch eine Erdpiste und sehr staubig und kurvig; Josef meisterte sie jedoch mit Bravour.

Chunchi Wir übernachteten in Chunchi [2.200 m NN] bei einer Tankstelle, der jedoch der Sprit (insbesondere Diesel) ausgegangen war, in "freier Natur", denn die Duschen funktionierten nicht und auch die Toiletten hatten kein Wasser. Die Nacht war grausam – seltsamerweise war die ganze Zeit Betrieb: ständig stand irgendein Bus oder LKW mit laufendem Motor hier, dessen Fahrer sich einen Kaffee o. Ä. genehmigte. Abgasgestank und Motorenlärm ließen uns nur wenig schlafen.

Am nächsten Morgen durchquerten die Region Cañaris, passierten gegen 10 Uhr Nacon, später Biblián [2.300 m NN] und Azogues [2.518 m NN, 30.000 Ew.], die Hauptstadt der Provinz Cañar. In der Nähe der Stadt bremste Josef plötzlich stark ab. Er entdeckte eine Tankstelle, die gerade Diesel bekommen hatte. Man erkennt das an den langen Schlangen von Bussen und LKW. Der Diesel würde wieder nicht für alle reichen. Manchmal hilft ein wenig Trinkgeld (in Deutschland auch Bestechung genannt). Auch bei uns, denn wir mussten nicht anstehen, sondern unser Tank wurde sofort v o l l gefüllt. Auch das ist nicht die Regel. Manchmal bekommt man immer nur ein paar Gallonen zugeteilt. Die wartenden Busfahrer schauten uns jedoch nicht gerade freundlich an. Irgendwie erinnerte die Szenerie ein bisschen an DDR-Zeiten. Das Problem der Sprit-Knappheit existiert nur im abgelegenen südlichen Hochland Ecuadors. Josef erzählte, dass er bei der letzten Tour fast 100 Tankstellen anfahren musste, um den Tank voll zu bekommen.

Ziel war die nach Guayaquil und Quito drittgrößte Stadt Ecuadors Cuenca [2.595 m NN, 200.000 Ew.], wo wir 2 Stunden Mittagspause hatten. Hier werden – wie auch in Montecristi – die berühmten Panamahüte hergestellt. Cuenca ist eine der schönsten Kolonialstädte des Hochlandes (und nach Quito die schönste Ecuadors) und die ganze Altstadt zählt seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe der Menschheit. Das Zentrum der Stadt bildet die Plaza Abdón Calderón mit der alten und der neuen Kathedrale. Leider war aufgrund einer großen Baustelle (wegen Umbau) von der baumbestandenen Plaza nicht viel zu sehen. Kathedrale in Cuenca Wir besichtigten zunächst die Neue Kathedrale, ein mächtiger Ziegelsteinbau (der Bau wurde 1885 begonnen) mit unvollendeten Fassadentürmen, zahlreichen Ziertürmchen und blauen Kuppeln. Der riesige Innenraum, ganz mit Marmor verkleidet, ist 42,5 m breit und 105 m hoch. Direkt gegenüber der Neuen steht die Alte Kathedrale, die aber gerade restauriert wurde und daher nicht besichtigt werden konnte. Sie ist kleiner und schlichter als ihre Schwester; der niedrige Glockenturm stammt von 1557. Wunderschön war der Blumenmarkt anzusehen, der sich täglich neben der Neuen Kathedrale auf der Plazoleta El Carmen befindet. Auf dem kleinen Freizeitbummel kamen wir an der Pfarrkirche San Francisco vorüber und liefen dann zum Río Tomebamba. Dieser trennt die Alt- und Neustadt von Cuenca. So hässlich, wie sich die Neustadt von unserem Standpunkt aus präsentierte, waren wir froh, die Mittagspause nicht dort verbringen zu müssen. Im Fluss wusch eine Indígena ihre Wäsche. Sie zog das Kleidungsstück dabei zwei-, dreimal durch das eiskalte Wasser und schrubbte es anschließend mit Bürste und (Kern-)Seife mehrfach von allen Seiten. Zwischenspülung im Wasser und noch einmal schrubben. Dann wurde das Kleidungsstück im Fluss ausgespült, ausgewrungen und auf einen trockenen Stein gelegt. Und schon kam das nächste Stück an die Reihe. Während die Mutter Wäsche wusch, vergnügten sich die Kinder im Gras am Flussufer. Übrigens tragen die Indígenas ganz saubere, leuchtend bunte Kleidung.
Eigentlich war die ganze Altstadt eine riesige Baustelle: die für ihr Kopfsteinpflaster bekannte Stadt bekam ihre Straßen neu gepflastert. Wir verbrachten ½ Std. in einem Internet-Café, um den Lieben zuhause eine Nachricht zukommen zu lassen. Später "verdienten" wir uns in einem Restaurant die Getränke, indem Bertram dem Kellner seine Hausaufgaben machte. Dieser fragte, ob wir Englisch könnten. Dann brachte er seinen spanischen Text an, der seinen Tagesablauf beschrieb, und wollte ihn ins Englische übersetzt haben. Bertram war dazu bereit, wollte aber eine kleine Gegenleistung haben (Die Einstellung "Was nichts kostet ist auch nichts wert!" ist leider weit verbreitet). Schuhputzer So erfuhren wir aber aus erster Hand etwas über das Alltagsleben der Menschen hier in Ecuador: Dieser Junge war ca. 16 Jahre alt, führte am Vormittag das Lokal, ging nachmittags zur Schule und abends ins Fitness-Studio, bevor er sich bis zum Schlafengehen vor den Fernseher setzte. Bevor wir gegen 14 Uhr die alte Kolonialstadt wieder verließen, ließ Josef sich noch die Schuhe putzen, was zur Gaudi für die Rotelianer wurde.

Ab jetzt regnete es fast die gesamte restliche heutige Fahrt. Schließlich war Regenzeit und wir kamen nun auch in die Regenwaldzone, denn wir verließen die Hochland-Panamericana und nahmen eine Straße Richtung Küsten-Tiefland. Am Nachmittag waren wir in der tropischen Zone angelangt; auf 1.650 m NN gediehen Bananen und Zuckerrohr. Kakaobohnen trocknen Die Fahrt gestaltete sich wegen immer schlechterem Straßenzustand zum Abenteuer. Teilweise war da nur noch Schlamm und unser Bus hatte Probleme, über diese Stellen zu kommen, da wir ohne Allrad-Antrieb immer wieder wegrutschten. Später machten wir dann auch noch einen Fotostopp, weil direkt auf der Straße Kakao-Bohnen zum Trocknen ausgebreitet waren – was allerdings sprichwörtlich ins Wasser fiel. Später fuhren wir dann fast nur noch durch Nebel bei 50–100 m Sichtweite.

Gegen 18 Uhr kamen wir bei der Hosteria San Luis in Treseritos bei Pasaje an. Wir übernachteten dort, weil das Hotel in Huaquillas seit einem der letzten El-Niño-Ereignisse nicht mehr steht. Heute war Koffertag. Bevor das Rotel aufgebaut wurde, gab es eine „Kofferkette", um eben diese trocken vom Bus bis zu den Steinplatten zu befördern; das Rotel selbst stand ca. 1 cm im Schlamm – anders konnte man die aufgeweichte Wiese nicht bezeichnen. Da es sehr warm war, verschwanden manche von uns gleich nach der Ankunft in den Swimmingpool. Ich wollte duschen und Haare waschen. Aus letzterem wurde nichts. Die Duschbrause fehlte, es kam nur ein spärlicher Strahl und dazu auch noch eiskalt! Wie wir später erfuhren, gibt es im Regenwald kaum warmes Wasser. Es sollte nicht das einzige Mal sein, dass wir nur kaltes Wasser zum Waschen hatten...

Mittwoch , 24. Oktober 2001 (Huaquillas – Sullana, 381 km)

In der Nacht gab es Regen, aber morgens war alles bestens, sogar die Sonne lugte ab und zu durch die Wolken. Nach dem Frühstück hatten wir bis zur Abfahrt noch etwas Zeit. Die nutzten nicht nur wir beide zu einer kleinen Pirsch durch die schöne Hostal-Anlage. Hier gab es nicht nur Liegewiese und Swimmingpool, auch ein paar exotische Tierarten hatten in größeren Käfigen ihr Zuhause. An der Mauer der Sanitäranlagen entdeckten wir eine ca. 20 cm lange Heuschrecke und vor den Anlagen eine Kröte.

Kurz nach 7 Uhr brachen wir zu einem neuen langen Fahrtag auf. Hinter Pasaje fuhren wir durch riesige Bananenplantagen. Der Name ‚Chiquita’ steht nicht für eine Marke, sondern für den Qualitätsstandard der Cavendish-Banane. Kein anderes Land exportiert so viele Bananen wie Ecuador (1994 waren es über 3 Mio. t). Feuchtheißes tropisches Klima ohne allzu starke und kühle Winde sind ideale Bedingungen für Bananenpflanzen. Auf mehr als 150.000 ha Land werden im westlichen Tiefland Ecuadors wirtschaftlich Bananen angebaut. Wir hielten bei einer Verpackungsanlage für Export-Bananen, wo gerade gearbeitet wurde. Hier kamen die bis zu 50 kg schweren Bananen-Fruchtbündel auf einer Art Seilbahn an und wurden zuerst grob sortiert, dann in handlichere Portionen (genannt manos = Hände) von 5 bis 15 Früchten zerteilt, gewaschen und dabei nochmals aussortiert. Danach wurden sie in die mit Plastikfolie ausgelegten (bei uns als Umzugskisten beliebten) Standard-Bananenkartons eingewogen, mit einem Wachs besprüht, mit kleinen Aufklebern etikettiert (CONSUL), vakuumiert, verschlossen und auf den bereitstehenden LKW geladen. Von Puerto Bolívar aus werden sie dann verschifft und irgendwann sehen wir diese Bananen vielleicht im Aldi oder einer anderen Supermarktkette wieder. Bis dahin sind sie auch ausgereift und gelb. Geerntet werden die Bananen nach etwa 5 Monaten, wenn die Früchte noch unreif und grün sind. Ließe man die Früchte an der Pflanze, würden sie mehlig statt süß werden und am Ende aufplatzen. Die aussortierten Bananen landen auf dem Inlandsmarkt.

Kurze Zeit später erreichten wir die Küsten-Panamericana. Ca. 20 km vor der Grenze zu Perú gab es an den Tankstellen schon keinen Diesel mehr. Die Vegetation wandelte sich nun innerhalb kürzester Zeit vom Regenwald zur Halbwüste. Gegen 9.50 Uhr erreichten wir Huaquillas [30.000 Ew.]. Hier tankten wir nochmals nach, bekamen aber als Durchreisende nur 13 Gallonen für 10 US$. Vertragsfirmen erhielten, soviel sie wollten, was an einem Pick-up zu erkennen war, auf dessen Ladefläche 2 Männer damit beschäftigt waren, Dutzende Fässer und Kanister mit Diesel zu füllen.

Die Grenze zu Perú befindet sich mitten im Ort. Hier war irre was los, weil auch gerade Markttag war. Der Zoll kam in den Bus und wollte die Gepäckfächer sehen. Der Grund: seit Neuestem wird der Diesel in Fässern über die Grenze geschmuggelt. Die Ausreise aus Ecuador passierte vor dem Ort, die Einreise nach Perú dahinter. Direkt an der Grenze hatte man uns den Bus aufgebrochen. Sepp, der Fahrer, blieb zwar im Bus bis die ersten von uns von der Passkontrolle zurückkehrten, dann ging er ihnen entgegen. Diese kurze Zeit reichte den Gaunern, das Türschloss aufzubrechen. Weiter kamen sie zu unserem Glück nicht – das hätte sich gelohnt, weil wir aus Sicherheitsgründen alles im Bus zurückgelassen hatten.

Wir tauschten erst einmal 10 US$ in Nuevos Soles (Sl.), die peruanische Währung. Die Geldwechsler – es gab nur Straßentausch – kamen in den Bus und wollten uns doch glatt bescheißen! Statt 34 wollten sie uns nur 30,40 Sl. andrehen. Doch Bertram bemerkte das und beharrte auf die noch ausstehenden 4 Sl.-Münzen. Wir brüllten durch den Bus: „Achtung – die bescheißen!" Und trotzdem versuchten sie es immer wieder, aber die Mitreisenden waren gewarnt. Der Reiseleiter Jürgen wollte 200 US$ wechseln und sollte statt 690 nur 609 Soles erhalten – das zeigte der (manipulierte) Taschenrechner des Gauners. Jürgen wurde total hektisch und nervös. Nach fast anderthalb Stunden hatten wir dann die Einreiseformalitäten erledigt und konnten endlich die Reise fortsetzen.

Copyright © 2002 Regine Werle. Alle Rechte vorbehalten

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