SYRIEN/JORDANIEN
- mit ROTEL unterwegs durch Arabien-
5. - 18. April 1998
Teil 1: Syrien

 

Ab in den Süden
Damaskus
Damaskus - Aleppo
Die Syrische Wüste (Aleppo - Mári - Palmyra (Tadmor) - Damaskus)
Damaskus - Amman/Jordanien


Ab in den Süden

Wir fuhren schon am Donnerstagabend vor dem Abflug (Sonntag) mit dem VW-Bus nach München.
Kurz nach 7.30 Uhr am Sonntagmorgen brachten uns bei regnerischem Wetter U3 und S8 zum Flughafen, wo in der Abflughalle C schon hunderte von Leuten standen, u. a. viele ROTELianer. Ich erklärte mich bereit, eine schwere Tasche mit Konserven mit nach Syrien zu nehmen. Der Einstieg ins Flugzeug verzögerte sich, da wir zuvor unser Gepäck inspizieren sollten. Sämtliche Koffer waren vor der Maschine, einer Bojing 747, aufgestellt und jeder musste seine Gepäckstücke aus der Menge holen und den Flughafenmitarbeitern zum Einladen geben. Den Grund dafür erfuhren wir im Flugzeug: Alle zwei Wochen wird eine Maschine ausgewählt, die besonders gründlich kontrolliert wird - und das war eben unsere. Besser so, als eine Bombe an Bord. Wir hatten zwar den letzten Fensterplatz ergattert, aber in der fürchterlichen Syrien-Arab-Airlines-Maschine dennoch keine Freude. Es war so wenig Abstand zur Vorderreihe, dass Bertram mit seinen Beinen Schwierigkeiten bekam. Außerdem konnten manche Rückenlehnen nicht festgestellt werden. Das Bordpersonal war unfreundlich und der Kapitän nuschelte dermaßen, dass wir Schwierigkeiten hatten, sein Englisch zu verstehen.

In Damaskus kamen wir erst gegen 17 Uhr Ortszeit an. Die Uhren hatten wir eine Stunde vorgestellt. Am Zoll erwartete uns die nächste Überraschung: 120 ROTELianer, alle ohne Visum, aber niemand von ROTEL-Tours, der uns erwartete. Ungefähr 1 Stunde warteten wir, bis sich etwas tat. Dann ging alles ganz schnell. Auf dem Parkplatz wartete unser rot-schwarzer Bus namens PA-PA 178 mit Karl Bayerl, dem Fahrer, und Rudi Winklhofer, unserem Reiseleiter. Rudi und Bertram kannten sich schon, da Bertram die gleiche Reise vor 2 Jahren schon einmal gemacht hatte. Rudi klärte uns zuerst über das Chaos nach der Landung auf: Ausländische Reiseleiter dürfen die Abflug-/Ankunftshalle nicht betreten. An diesem Abend wurde eine Delegation erwartet, sodass auch der syrische Helfer uns nicht abholen durfte, was normalerweise passiert. Zunächst fuhr Karl unseren mit 40 Reisegästen voll besetzten Bus auf den Campingplatz. Hier trafen wir auf die beiden anderen ROTEL-Busse: Insgesamt 3 Gruppen während der zwei Osterferienwochen, eine davon mit 3-Tägigem Kamelritt durch die Wüste. Damit wir uns mit Alexandras Gruppe nicht um alle Campingplätze streiten müssen, machten wir die Rundreise in die entgegengesetzte Richtung. Wir bezogen unsere Kabinen und erhielten dann das erste ROTEL-Abendbrot: Eier mit Butterbrot. Abends waren es immer noch 17 °C. Rudi sagte, es sei der erste schöne Tag seit Wochen gewesen. Die letzte Gruppe hatte fast nur Regen gehabt.zum Anfang zurück

Damaskus (Dimashq ash-Shám)

Um 7.30 Uhr fuhren wir in die älteste Stadt der Welt, annähernd 6.000 Jahre hat Damaskus auf dem Buckel. Gegründet wurde sie von Siedlern, die sich in der natürlichen Oase niederließen, die der Barada-Fluss zwischen Gebirge und Wüste hat entstehen lassen. Von 14,7 Mio. Syrern wohnen 5 Mio. im Großraum Damaskus und 2 Mio. in der Stadt selbst. Wir hatten herrliches Wetter: sonnig und wolkenlos. Morgens waren es allerdings nur 9 °C. Wir besichtigten die Sed Senab-Moschee, wo Frauen nur in einem Umhang Zutritt bekamen. Vor dem Betreten des Gebetssaales mussten wir die Schuhe ausziehen. Filmen war teilweise ganz verboten. Dann führte uns Rudi durch den Suq zum ältesten Stadttor, Báb Sharqi, das im 2. Jh. erbaut wurde, dann zu einem typischen arabischen Haus mit nur einem Zugang und herrlichem Innenhof. Anschließend besuchten wir die Ananias-Kapelle (Kaníse al-Qadis Hanániyá), wo sich angeblich die ersten Christen trafen. Die Kapelle ist eine unterirdisch angelegte Kirche, in der Ananias auf Geheiß Gottes den erblindeten Saulus aus der Provinz Taurus wieder sehend und ihn so zum gläubigen Paulus gemacht hat. Sie soll auf das 1. Jh. zurückgehen. Es gibt fast ein Dutzend christlicher Konfessionen in Syrien. Zum Christentum bekennt sich etwa ein Zehntel der syrischen Bevölkerung. Einen Fotostop gab es am Báb Kaissán (Kánise al-Qadis Búlos), dem Teil der Stadtmauer, wo der Legende nach Paulus seinen wütenden Verfolgern in einem Korb über die Mauer entwischte. Dabei standen wir auf dem breiten Mittelstreifen der 4-Spurigen Straße, wo es bestialisch nach Abgasen stank. Dazu das Motto: Wer am lautesten hupt, braucht nicht zu bremsen; für Fußgänger ist das Überqueren der Straße oft lebensgefährlich. Die Menschen aber sind freundlich, offen, hilfsbereit und stolz auf ihre Kultur...
Die Linienbusse sind etwas ganz Besonderes. Sie werden "Hopp-Hopp" genannt, weil sie bunt bemalt, mit viel Chrom verziert sind und die Nebenstrecken im "Stop-und-hopp"-Verfahren bedienen. Der Bus fährt erst los, wenn er randvoll ist. Die Tekkiye-Moschee (Jámi' at-Tekkiye) war unser nächstes Ziel. Sie wurde vom osmanischen Meisterarchitekten Sinan zwischen 1554 und 1560 errichtet und ist ein aus Moschee und Herberge für Mekkapilger bestehender Komplex. Deshalb hatten wir Touristen und Nichtmoslems auch keinen Zutritt. Sinan verknüpfte lokale Stilelemente wie Muqarnas und Ablaq-Fassaden mit der typisch osmanischen Zentralkuppelmoschee. Auftraggeber war Suleiman der Prächtige. Mitten in der Stadt steht ein alter Bahnhof, der Muhatta al-Hijáz. Er wurde 1903 mit musealem Interieur für die nie vollendete Hijazbahn nach Mekka fertig gestellt. Hier startet drei Mal wöchentlich die alte Dampflok nach Zabadání im Antilibanongebirge. Auf dem Gleis hinter dem Bahnhof steht der alte Orientexpress. Vor dem Bahnhof eine alte Lok deutscher Fabrikation. In 1½ Stunden Freizeit stöberten wir anschließend durch Damaskus. Bei einem sehr freundlichen Verkäufer labten wir uns an Grapefruitsaft, der zuvor von dem alten Mann frisch gepresst wurde. Dabei fiel mir auf, dass die Presse sehr sauber war und der Mann auch beim Zubereiten auf Sauberkeit bedacht war.
Zum Mittagessen waren wir wieder auf dem Campingplatz. Wir erhielten ein typisch arabisches Frühstück, bestehend aus Tomaten, Bohnen, Minze und Lauchzwiebeln, dazu Fladenbrot. Da wir bei ROTEL Halbpension gebucht hatten, wird irgendwann, wahrscheinlich in Aqaba, ein Abendessen ausfallen. Bis 14.15 Uhr machten wir Siesta, ehe es am Nachmittag in die Altstadt von Damaskus ging. Mittlerweile war es schön warm geworden. Zuerst durchstreiften wir den Súq. Tausende von Läden, unzählige Nebengassen und alte Khane (Karawansereien) warten normalerweise auf ihre Entdeckung. Leider war nicht viel mit Entdecken. Durch den Feiertag (Opferfest) waren nämlich sämtliche Geschäfte geschlossen. Der Súq ist das Herz von Damaskus. Den Anfang bildet der von einem Blechdach überwölbte Súq al-Hamídiye, durch den wir spazierten. Hier haben sich neben Textilienhändlern unzählige Souvenirläden angesiedelt. Es folgte mit Jámi' as-Saidat Ruqaiya eine wichtige Moschee für schiitische Pilger aus dem Iran. Sie ist ein pompöser Neubau über dem Grab einer Tochter von Alis Sohn al-Husain.

Anstelle der Omayyaden-Moschee stand ursprünglich ein dem semitischen Gott Hadád geweihter Tempel. Im 2. Jh. wurde der nun Jupiter geweihte Tempel erweitert. Säulen des gewaltigen Tempelhofes sind östlich und westlich der Moschee heute noch erhalten. Im 4. Jh. fand die Umwandlung zu einer Johannes dem Täufer geweihten Kirche statt. Im Ostteil des Gebetsraumes wird als wertvollste Reliquie das Haupt Johannes', der im Islam als Prophet Yahya verehrt wird, aufbewahrt. Von 636, dem Jahr der muslimischen Eroberung von Damaskus, bis zum Jahr 708 teilten sich Christen und Muslime die Gebetsstätte. Während die Decke des Gebetssaales von zwei Reihen korinthischer Säulen getragen wird, zieren den Fußboden kostbare Teppiche. Mosaik- und kunstvolle Steinmetzarbeiten finden sich im Mihrab, der Gebetsnische, und an der Minbar genannten Kanzel. Originell ist das mit Mosaiken geschmückte und auf acht Säulen ruhende Schatzhaus in byzantinischem Stil, unter dessen Kuppel früher der Staatsschatz aufbewahrt wurde. Der weiße Marmorbelag des weiten Hofes verleiht der Moschee im Sonnenlicht einen majestätischen Schein. In jeder größeren Stadt gibt es eine Omayyaden-Moschee, benannt nach der Familie, die von 661 bis 750 die Herrscher des Arabischen Reiches stellte. Danach gab es noch einmal Freizeit für uns bis 18.30 Uhr. Soviel Freizeit waren wir von den letzten beiden ROTEL-Reisen gar nicht gewöhnt.
Zum Abendbrot servierte uns Karl eine total versalzene Nudelsuppe mit Brot und Wurst. Wir haben ihn natürlich geärgert, ob er wohl verliebt sei...zum Anfang zurück

Damaskus - Aleppo

Schon am nächsten Morgen brachen wir um 7 Uhr auf gen Mittelmeer. Da wir sehr viele Neulinge in der Gruppe hatten, war es gar nicht so einfach, beim Abbau alles ordnungsgemäß zu verstauen. Dazu kam, dass jeder auf seine Art arbeiten wollte und letztlich keine Einigung erfolgte.
Die Temperatur betrug am Morgen 10 °C, es war wolkenlos und sonnig. Bei einem Fotostopp in Ayinetina sahen wir den Ort Ma'lúlá, der malerisch am Fuße steiler, von Höhlen durchzogener Felshänge liegt. Vor dem griechisch-orthodoxen Thekla-Kloster (Mar Taqla), das wir anschließend besichtigten, gab es ein zweites Frühstück: frisches Fladenbrot.
Danach besuchten wir das ebenfalls griechisch-orthodoxe Sergius-Kloster (Dair Már Sarqís), das früher ein Jupitertempel war, im 4.Jh. zur Kirche umgebaut und nach dem Heiligen Sergius benannt wurde. Er war Führer in der römischen Armee unter dem Kaiser Maximilianus. Da er den christlichen Glauben nicht leugnen wollte, wurde er im Jahre 297 hingerichtet. Der niedrige Eingang in das Kloster führt in eine kleine byzantinische Kirche. Hier hörten wir von einem griechisch-orthodoxen Pater das Vaterunser in Aramäisch. Die Bewohner des berühmtesten Dorfes in Syrien haben sich bis heute ihren aramäischen Dialekt bewahrt, den so ähnlich schon Jesus gesprochen haben soll.
Auf der Weiterfahrt sowie auf langen Fahrtstrecken erzählte uns Rudi vieles über Land und Leute. In Syrien - und auch in Jordanien - wird versucht, die Wüste mit Aleppokiefern, Zypressen und Peruanischem Pfefferbaum wieder aufzuforsten. Auf unserer Reise hätten wir zu den Grenzen von 6 Ländern (Libanon, Türkei, Irak, Saudi-Arabien, Israel und Ägypten) weniger als 20 km Abstand.
Homs (Hims), Syriens drittgrößte Stadt, bietet keine überragenden Sehenswürdigkeiten. Berühmt wurde die Stadt auch außerhalb des Landes vor allem durch Witze, die über sie gemacht werden: der Einwohner von Homs, der Homsi, ist der Ostfriese Syriens. Wir hatten einen Fotostopp bei der Moschee Jámi' Khálid Bin Walíd, in der sich das Grab des Kommandeurs der Moslemischen Armee befindet, welcher 636 n.Chr. den Islam nach Syrien brachte, und die dadurch eine Pilgerstätte ist. Dabei wurden wir immer wieder von vielen Kindern und Jugendlichen umringt. Erstens weil unser ROTEL auffiel, zweitens weil wir für die Araber die Exoten sind, und drittens, weil die Kinder gerne gefilmt werden und sich dann auch ansehen wollen. Aber den Gefallen habe ich ihnen nicht getan, weil ich sie sonst nie losgeworden wäre.
Unsere Mittagspause hatten wir in Hamá (Epiphania). In einer Grillstube in der Nähe des Flusses gab es herrliches Grillhuhn ("farruj") mit Fladenbrot und verschiedenen Soßen; ein halbes Hühnchen für nur 70 S£ (Syrische Pfund). Die Stadt an der Schnittstelle zwischen fruchtbarem Ackerland und der Steppe der Nomaden war schon immer ein lokales Handelszentrum. Nördlich der Stadt liegt die wasserreiche, fruchtbare Senke des Orontes.

"Mächtige Wasserräder schöpften schon vor mehr als 1.500 Jahren das Wasser aus dem tief gelegenen Orontes in Aquädukte, die es auf die Felder und als Brauchwasser in die Häuser brachten.... Mehr als ein Dutzend dieser "Norias" (Na´ura) bilden die Hauptattraktion der Stadt. Überall entlang des Flusses tauchen sie schwerfällig und mit lautem Knarren - der Name Na´ura ist mit dem syrischen Dialektwort für "Jaulen" verwandt - ihre bemoosten Holzspeichen in das Wasser. Gemächlich drehen sie sich in ihren algenbewachsenen, wuchtigen Lagern und schütten das im Sonnenlicht gleißende Wasser in die Aquädukte." [aus: Marco Polo Reiseführer "Syrien", 1996]

Wir sahen im Stadtpark die beiden größten Wasserräder "Ná'úra al-Jisriye", das als sangesfreudig bezeichnet wird, und das "Ná'úra al-Muhammadiye", das größte Wasserrad der Stadt mit einem Durchmesser von 39,9 m, und stoppten mit dem Bus außerhalb der Stadt, wo noch einmal 4 Räder stehen, die allerdings wegen Rekonstruktion nicht in Betrieb waren. Die unterschlächtigen Wasserräder waren sehr leicht gebaut, aus Holz, und trugen außen eine Reihe von Schöpfgefäßen. Wenn die Gefäße in den Fluss eintauchten, füllten sie sich. Oben gaben sie das kostbare Nass in einen Aquädukt ab, der es zur Bewässerung auf die Felder leitete.
Nächste Station auf unserer Reise war Syriens schönste und am besten erhaltene Kreuzritterburg Crac des Chevaliers (Qal'at al Hisn). Sie steht auf einem Vorsprung über einer fruchtbaren Ebene. Als Festung war sie praktisch uneinnehmbar; sie fiel nur durch eine Kriegslist des Sultans Beibars, nachdem er zwar die Außenmauer überwinden konnte, aber vor den großen Toren kapitulieren musste: Ein geschickt gefälschter Brief wurde den Verteidigern ausgehändigt. Er stammte offensichtlich vom Grafen von Tripolis und befahl der Garnison, sich zu ergeben. Die Ritter verließen ihre Festung, und so fiel der Crac des Chevaliers. Sie erhielten freies Geleit bis zur Küste und ritten einfach weg. Der Crac gehörte zu einem ganzen Netz von Kreuzfahrerburgen, die von den Grenzen Syriens im Norden bis zu den Wüsten südlich des Toten Meeres reichten. Sie verfügten über eine eigene Wasserversorgung, entweder in Reservoiren, die aus dem Fels gehauen wurden, oder durch natürliche Quellen. So konnten sie monatelang einer Belagerung standhalten. Mit Hilfe dieser Burgen konnten die Kreuzfahrer und ihre Nachfolger zwei Jahrhunderte lang einer moslemischen Übermacht trotzen. Die Wände sind unglaublich dick; sie bestehen aus 38 cm hohen und fast 1 m langen zugehauenen Blöcken. Die Burg besteht aus zwei Teilen: der Außenmauer, erster Befestigungswall, und der Innenmauer, zweiter Befestigungswall. Unterhalb der drei höchsten und stärksten Türme der inneren Burg befindet sich eine schräge Mauer, die über 24 m tief in einen Burggraben abfällt. Der Grund für den Neigungswinkel der Mauer soll nach T. E. Lawrence darin bestanden haben, angreifende Truppen daran zu hindern, so nahe an die Mauer zu gelangen, dass die Verteidiger sie nicht mehr beschießen konnten.
In ´Amrít besichtigten wir das Wasserheiligtum der Phönizier, wo sich mittlerweile Frösche und wilde Alpenveilchen angesiedelt haben. Von den zwei recht merkwürdig aussehenden Monumenten wird vermutet, dass sie Gräber seien. Es ist wenig bekannt über die blühende phönizische Siedlung, die 333 v. Chr. von Alexander dem Großen und später durch die Römer übernommen wurde.
Nach einem sonnigen Tag kamen wir kurz nach 18 Uhr auf den Campingplatz in der Nähe von Tartús. Es war ein Parkplatz vor einer typisch arabischen Herberge. Rudi hatte drei Häuschen zum Duschen geordert, eins für Damen, eins für Herren und ein gemischtes. An die Stehklos haben wir uns ja gewöhnt, aber an den Dreck der verfallenen Hütten nicht. Dass hier wirklich Leute zum Übernachten herkommen würden, konnten wir uns beim besten Willen nicht vorstellen. Wir bauten unser ROTEL auf, einige Damen und Herren der Gruppe halfen beim Gemüseschnippeln. Dann zog es mich und einige andere in die kalten Fluten des Mittelmeeres. Es war eiskalt, aber nach der langen Kältezeit auch kein Wunder. Also hieß es für mich: einmal untertauchen und wieder hinaus. Schließlich war ich eine Woche vor dem Urlaub gerade von einer Erkältung genesen. Kurze Zeit mussten wir beim Abendessen im Dunkeln sitzen. Nach mehrfachem Flackern war der Strom ganz weg, bis auf der anderen Straßenseite der Notgenerator angeworfen wurde, der wahnsinnigen Krach machte.

Bei stark bewölktem Wetter und 13 °C fuhren wir um 6.30 Uhr weiter. Erste Station war Ugarit (Ras Shamrá) mit seiner 1928 durch einen Bauer beim Pflügen entdeckten Ausgrabung. Die ersten Menschen siedelten im 7. Jahrtausend v. Chr. an dem Ort, der nach dem Tell Ras Shamrá benannt wurde. Erst in der ersten Hälfte des 18. Jh. v. Chr. führte er den Namen Ugarit. Da der offizielle Eingang noch nicht geöffnet war (ROTEL ist bekanntlich überall die erste Reisegruppe), marschierten wir daneben vorbei durch vom Tau noch nasses Gras. Langsam kam die Sonne hinter den Wolken hervor. Die gut erhaltenen Mauern und Fundamente der im 3. Jahrtausend v. Chr. von den Kanaaitern gegründeten Stadt wurden aus Steinen, nicht aus Tonziegeln, errichtet. Ugarit ist für seine bei den Ausgrabungsarbeiten gefundenen Terracotta-Tafeln berühmt: Vor dem 14. Jh. v. Chr. benutzte der alte Orient zwei Schriftarten: Hieroglyphen (Ägypten) und Silberkeilschrift (Mesopotamien). Jede dieser zwei Schriften bestand aus Hunderten von Zeichen, die entweder ganze Wörter oder Silben darstellen, was ihren Gebrauch erheblich erschwerte. Und nun erscheinen auf einmal unter den Tontafeln von Ras Shamra viele mit einer neuen Keilschrift aus nur 30 Silben. Es war eine alphabetische Schrift, in der jedes Zeichen einen Buchstaben darstellt. Das Alphabet von Ras Shamra, das ins 14. Jh. v. Chr. fällt, ist das älteste von den bis heute bekannten Alphabeten. Man hatte es mit einer semitischen, dem Arabischen verwandten Sprache zu tun, mit der sie ungefähr 700 Wörter gemeinsam hat, heute ´Ugaritische´ genannt. Diese Tontafeln geben etwa von 1360 - 1330 v. Chr. an Auskunft über die Geschichte der Stadt.
In Latakia (Al Ládhiqíyah) fotografierten wir einen Friedhof und den römischen Tetrapylon. Friedhöfe bestehen hier in Syrien aus Steingräbern und sind in der Regel schmucklos. Nur zwei Mal im Jahr kommen die Verwandten und bedecken die Gräber mit Grünzeug. Einer dieser Termine ist das Opferfest (´Id al-Adhá), das genau in den Monat der Pilgerfahrt (Hajj) nach Mekka fällt (1998 ab 7. April) und 5 Tage dauert. Es erinnert an Abraham, der bereit war, seinen Sohn zu opfern. Dann ist der Friedhof richtig hübsch. In den moslemischen Ländern gibt es eine andere Zeitrechnung als bei uns, der Hejira-Kalender. Nach diesem befinden wir uns im Jahr 1418, das vom 9. Mai 1997 bis 27. April 1998 geht.
Mittags, zwischen 11 und 12 Uhr, aßen wir in einem Straßen-Familien-Restaurant Kebab auf arabische Art mit Zaziki und Gurken-Krautsalat, dazu gab es Fladenbrot. Während dessen wurde unser Bus einschließlich Hänger vom Staub befreit. Durch das sehr kalkhaltige Wasser sahen die Scheiben nachher jedoch dreckiger aus als zuvor. Da wir an der hinteren Tür sitzen, konnten wir diese mit einem Tuch nachwischen und so wieder gut filmen und fotografieren. Bei Jisr ash Shughúr gingen wir zu Fuß über den Orontes, natürlich über eine Brücke.

Unser Campingplatz befand sich etwa 30 km vor Aleppo. Der von ROTEL ursprünglich genutzte war in den letzten beiden Jahren Pleite gegangen. Wir bauten das ROTEL auf und fuhren anschließend nach Aleppo (Halab) hinein. Die Stadt hat 2 Mio. Einwohner und 450 Moscheen und jährlich kommen neue dazu. Aleppo war die bedeutendste Handelsstadt Syriens. Mit der Rivalin Damaskus im Süden konkurriert sie um die Ehre, die älteste ständig bewohnte Stadt der Welt zu sein. Über Jahrhunderte war Aleppo eine Handelsmetropole von größter Bedeutung am Schnittpunkt der großen Handelsrouten von Europa nach Zentralasien, Indien und ins Zweistromland. Der neu erbaute Suezkanal zog einen Großteil der Warenströme ab. Weniger Geld kam in die Stadt und weniger Kulturimporte. Mit nachlassender ökonomischer Betriebsamkeit scheinen Stadt und Menschen in immer stärkerem Maße Altes konserviert zu haben. Und dieses vermittelt dem Fremden heute eine authentische Vorstellung vom Leben in der Stadt vor rund 200 - 300 Jahren.
Wir besichtigten zunächst die Moschee "Al Rachman", eine moderne Moschee, die ans Christliche angelehnt ist. Danach folgte ein Stadtrundgang durch den Suq, mit 12 km Ausmaß Herz und Prachtstück der Stadt. In den überkuppelten Gängen taucht der Besucher in eine völlig andere Welt ein. Während in den Suqs anderer Länder überwiegend Souvenirläden die Hauptgassen säumen, orientieren sich die Händler im Aleppiner Suq am Bedarf der Bevölkerung Und genau das macht - laut Reiseführer - den Zauber des Treibens in den engen Gassen aus. Nur erlebten wir nicht viel davon, denn auch hier hatten so gut wie alle Geschäfte geschlossen, aber die Schafschlächter waren fleißig am Werk. Überall Blut-Pfützen in den Gassen, hier lag ein Schafskopf herum, dort ein paar Felle oder Innereien... Für manche aus der Gruppe, einschließlich Rudi, war der Anblick ziemlich ekelhaft. Zunächst besichtigten wir die Shaibije-Moschee (Bäckermoschee), dann die älteste Moschee, die Jámi' at-Tút (Maulbeermoschee). Die kleine Moschee aus dem 12. Jh. zieren schöne Schriftbänder und feine Ornamentfriese. In der Madrase 'Abd Allah al-'Azem, einer Koranschule, gab es Reste einer alten Moschee mit Zedernholz, eine ehemalige Kathedrale und einen schönen Innenhof mit Arkaden-Galerie zu sehen. Aus der einstigen Kathedrale von Aleppo, einem prachtvollen Bau mit byzantinischen Einflüssen im Stadtzentrum unterhalb der Zitadelle, wurde die Medrese Hallawiya, eine Hochschule für islamische Theologie. Ein moslemischer Richter hatte die Kathedrale und drei weitere Christenkirchen im 12. Jh. beschlagnahmen lassen und anderen Zwecken zugeführt, um die christlichen Gemeinden Aleppos für die Überfälle europäischer Kreuzritter zu bestrafen.
Eine Karawanserei konnten wir nicht besichtigen, da diese ebenfalls geschlossen hatten. Dafür erhielten wir Gelegenheit zum Besuch des Al-Bímáristán al-Arghúní, eines alten Hospitals. Hier und in vielen anderen Hospitälern kurierten die arabischen Mediziner schon im 11. Jh. Geisteskranke durch Wassertherapie. Das Plätschern der Brunnen sollte die Patienten beruhigen und heilen. In diesem Hospital wurden Nervenkranke seit dem 14. Jh. mit Musik therapiert.
Zum Abendbrot versammelten wir uns im Teehaus "Citadel Café" gegenüber der Zitadelle. Unser ROTEL-Essen bestand aus Grillhähnchen, die Karl besorgt hatte. Zum Teehaus ist eigentlich nur Männern der Zutritt erlaubt, aber mit Rudi's Beziehungen... Es war sehr voll. Da wurde Wasserpfeife ("argile") geraucht, Backgammon, Schach und Karten gespielt - und die Touristen beäugt. Ein besonderes Erlebnis hatten Elsbeth und ich auf der Toilette: Zuerst schaute einer der Kellner nach, ob der Raum frei war, dann ließ er uns hinein. Während Elsbeth ihr Geschäft verrichtete, wartete ich in dem Waschraum. Was ich nicht wusste - da gab es noch eine zweite Toilette. Der Mann, der da rauskam, war mit Sicherheit nicht weniger erschrocken als ich. Nachher hatten wir kurz die Gelegenheit, Aleppo bei Nacht zu erleben. Die Traube Kinder, die um mich herumstand, die halb verschleierten Frauen, die sich amüsierten... Es war schon herrlich. Im Programm stand für den Abend: "...MÖGLICHKEIT ZUM BESUCH EINES HAMMÁMS, EIN TÜRKISCHES BAD...". Daraus wurde leider nichts, da sich zu wenig Leute meldeten. Das war typisch für unsere Gruppe: Wo zusätzliches Geld bezahlt werden muss, da wird geknausert - zum Leidwesen derjenigen, die wirklich Freude daran gehabt hätten. Auch mich würde es interessieren, wie es ist, mal nicht selber zu baden, sondern gebadet zu werden (Waschen, Haare waschen und Massage). Der Marco-Polo-Reiseführer [1996] schreibt dazu:

"Nachrichtenbörse, Gerüchteküche, Treffpunkt, Ort der Entspannung; also weit mehr als nur ein Bad(ehaus). Einen Hammam wie den des ... an-Nasiri in Aleppo sollte man unbedingt am eigenen Leibe kennenlernen. Nichts ist entspannender, als wenn Syrer Ihnen einmal richtig Dampf machen!"

Einige Damen hatten wahrscheinlich Angst, sie könnten sich die Haare ruinieren... So waren wir gegen 20 Uhr wieder auf dem Übernachtungsplatz. Wenig später kam die andere Gruppe - aus dem Hammám.

Es war wolkenlos und sonnig bei 13 °C, als wir um 7 Uhr morgens mit dem ROTEL noch einmal nach Aleppo hineinfuhren. Rudi hatte das Programm etwas geändert, weil sonst eine Fahrtstrecke elend lang geworden wäre. So besichtigten wir morgens die auf dem Qal'at Halab gelegene Zitadelle mit ihren 5 Eingangstoren. Sie überragt auf dem gleichförmigen steilen Hügel Häuser und Súqs und wurde einst gut verteidigt: Die Abhänge waren bis hinunter in die früher mit Wasser gefüllten Gräben mit Steinen verkleidet. Angreifern wurde so der Aufstieg oder gar das Unterminieren der Mauern erschwert. Über eine auf Bögen gelagerte Brücke gelangt man zum riesigen Torbau. Außer dem Eingangstor hat kaum etwas vom Palast des Ayyubiden al-'Azíz die Zerstörungswut der Mongolen überstanden. Wir besichtigten die Abrahamsmoschee, die Rosen-Moschee, das antike Theater, den Rest des königlichen Palastes - 1230 von König al-'Azìz Mohammed erbaut und 30 Jahre später durch die Mongolen zerstört - mit einem 4-Seitigen Iwán, den Hammám und die Wohnung der Eunuchen. Von den Mauern der Zitadelle hatten wir einen phantastischen Blick über die ganze Stadt. Der prächtige Thronsaal der Mamlúken liegt im oberen Stockwerk des riesigen Torbaus der Zitadelle und war unser letzter Besichtigungspunkt. Im Teehaus von gestern genossen wir noch einen letzten Blick auf die Zitadelle, bevor wir aufbrachen. Der Ziselierermarkt hatte leider wegen des Opferfestes immer noch geschlossen, sodass wir auf die Besichtigung der verschiedenen Handwerke verzichten mussten. Einen ganz kurzen Besuch statteten wir dem kolonialzeitlichen Baron-Hotel ab. Auf den historischen Matratzen nächtigten bereits so prominente Gäste wie Lawrence von Arabien und Charles de Gaulle. Die teppichförmigen Stolperfallen auf der Treppe verhalfen vermutlich schon Charles Lindbergh, Agata Christie und Kemal Atatürk zu eindrucksvollen Freiflügen treppab bis vor die Rezeption. Armaturen aus der Zeit der Jahrhundertwende versüßen das Warten auf wegen mangelnden Drucks nur spärlich und widerwillig fließendes Wasser in den oberen Stockwerken. Sauberkeit ist hier relativ.
Zwischen 11 und 12.30 Uhr hatten wir Freizeit. Bertram und ich besichtigten die Omayyadenmoschee. Ein schöner Säulengang umgibt auf drei Seiten den weiten Innenhof der Großen Moschee, über den wir barfuß im Taubendreck gehen mussten. Der Ebenholz-Minbar (Kanzel) stammt aus dem 15. Jh., das prachtvolle Minarett mit 45 m Höhe wurde im 11. Jh. errichtet. Anschließend spazierten wir ein letztes Mal durch den Suq. Wir kamen an einem Keksladen vorbei, der einen herrlichen alten Backofen hatte. Als ich den Ofen filmte, kam der Besitzer angelaufen und gab uns beiden einen Keks zum Kosten. Es war eine Art Sandgebäck. Auf dem Weg zum Báb Antákiye, kamen wir abermals an den Schafschlächtern vorbei. Es war aber noch nicht ganz so schlimm wie am Vortag. Das älteste Tor der Stadt bildet den westlichen Zugang zum Súq. Im Inneren des Tores hängt an der Decke eine große Kanonenkugel. Der Legende nach hat ein gewisser Shaikh Ma'rúf sie im 7. Jh. seinen ungläubigen Feinden in einem Wurf vom anderen Ende des Súqs aus entgegengeschleudert. Auf dem Rückweg durch den Súq Antákiye mit Bäckern, Metzgern und Scherenschleifern beschlossen wir, ½ Kilo Kekse mitzunehmen. In einem anderen Geschäft gab es Tücher und Tischdecken. Der Inhaber lud uns zum Tee ein und präsentierte uns seine Ware. Ich wollte ein weißes Tuch und eine Tischdecke für meine Mutter. Das Handeln machte richtig Spaß. Die Forderung lag bei 80 DM, Bertram begann mit 25 DM. Ich setzte zwischendurch mein Skeptikergesicht auf - und das klappte. Als letztes Gebot legten wir schließlich 30 DM und 150 S£ auf den Tisch. Der Ladeninhaber nahm zähneknirschend lieber das Geld, als auf der Ware sitzen zu bleiben. So bekamen wir beides für nur 36 DM. Kurz vor unserem Treffpunkt besuchten wir noch eine schon wieder geöffnete Karawanserei.
Gegen 13 Uhr setzte unsere Reisegruppe ihre Rundfahrt fort. Wir besuchten ein paar Bauernhöfe, teilweise aus Bienenkorbhäusern bestehend. Die aus Lehm errichteten Kuppelhäuser weichen allerdings zunehmend kastenförmigen, unverputzten Betonbauten, deren einziger "Zierrat" aus Antennen und in die Luft ragenden Armierungseisen besteht.
Unser Tagesziel war der durch die Russen erbaute Assadstausee. Er ist das berühmteste neuzeitliche Bauwerk im Nordosten Syriens. Er sollte ursprünglich die Versorgung mit Wasser und Elektrizität sichern. Die reparaturanfälligen sowjetischen Turbinen produzierten jedoch mehr Ärger als Strom. Seit dem Austausch der alten Turbinen durch moderne, westliche Modelle läuft die Stromversorgung problemlos. Bis dahin gehörten regelmäßige Stromsperren ebenso zum Alltag wie die mannshohen Notgeneratoren, die stundenlang auf den Gehwegen der Städte röhrten.
Nach einer Militärkontrolle konnten wir die Staumauer des Euphrat überqueren. Nun waren wir in Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, das wir bisher nur aus der Geschichte kannten. Wir übernachteten vor dem Kastell Qal'at Jabar. Die aus Lehmziegeln errichtete Festung steht auf einer Halbinsel im Stausee. Toraufgang, Mauern und das reichlich Schlagseite zeigende Minarett stammen aus dem 12. Jh. Die Sanitäranlagen waren die schlechtesten, die ich je auf einer ROTEL-Reise kennen gelernt habe: Bei der einzigen Toilette hielt man den ganzen Türrahmen in der Hand, falls man auf die Idee kommen sollte, die Tür schließen zu wollen. Es braucht ein wenig Zeit, die hockende Technik zu beherrschen, so erklärt es einem der Lonely-Planet-Reiseführer, ohne dass man alles aus seinen Taschen verlieren. Man sollte immer sein eigenes Toilettenpapier bei sich tragen oder die örtliche Gewohnheit annehmen, die linke Hand und Wasser zu nutzen. Es gibt immer einen Wasserhahn in bequemer Höhe für diesen Zweck - ob Wasser herauskommt, ist wieder etwas anderes. Zwei Waschbecken im Freien taugten gerade mal zum Zähneputzen. Ein Glück, dass in der Nähe des Platzes ein Badestrand liegt. Dieser bestand mehr aus Kies als aus Sand. Ohne Badelatschen traute ich mich nicht ins Wasser. Aber kaum waren wir dort angelangt, versammelten sich immer mehr Schaulustige auf dem Gestade über dem Strand: lauter Araber - sie kamen sogar mit Fotoapparaten. Am Anfang war es ja ganz lustig und interessant, wie man sich fühlt, wenn man ein Exot ist. Als die Männer jedoch anfingen, uns zu betatschen, wurde es unangenehm und wir zogen es vor, wieder zum Übernachtungsplatz zurückzufahren - natürlich mussten wir dabei durch ein Spalier neugieriger Einheimischer spazieren. War das ein komisches Gefühl... Ein paar Leute schnippelten bereits das Gemüse für die Ratatouille, die uns Karl zum Abendbrot kochen wollte. Während wir beim Essen saßen, kamen zuerst zwei wahrscheinlich ausländische Mädchen, die fragten, ob sie uns fotografieren dürften, danach eine ganze Familie aus Saudi-Arabien, die uns filmen wollte. Fühlen sich so die Leute, die wir immer auf unsere Bilder bannen, wie wir uns hier an diesem Abend?zum Anfang zurück

Die Syrische Wüste
(Aleppo - Mári - Palmyra (Tadmor) - Damaskus)

Bei wolkenlosem Himmel und 15 °C verließen wir den Stausee um 7 Uhr in Richtung Raq-qa (Ar Raqqah). Fotostopp bei der Stadtmauer As-Sur aus Lehm, die auf weiten Strecken noch intakt bzw. rekonstruiert ist, und dem Báb Baghdád, dem Bagdadtor, im äußersten Südosten der Stadtmauer. Hier wurden die Karawanen nach Bagdad zusammengestellt, ehe sie auf Reisen gingen. Danach hieß es Abschied nehmen von Mesopotamien beim Überqueren des Euphrat. Auf einer langen Fahrt konnten wir aber viel sehen: den saubersten Bauernhof in der Wüste, Getreidespeicher, die Euphrat-Ebene mit intensiv bewässerten Getreide-, Gemüse- und Baumwollfeldern. Überall wird durch kleine Kanäle das Wasser des Euphrat abgezweigt und dient sowohl der Bewässerung, als auch zum Baden und Wäschewaschen. Die Badiye, die Steppenwüste, ist die Heimat der Beduinen. Wir besuchten eines ihrer Zelte. Die Leute sind sehr nett und reißen Rudi die Fotos, die andere ROTEL-Gäste auf früheren Reisen von ihnen gemacht haben, regelrecht aus der Hand.
Nach unserer Mittagspause in Dair az-Zúr (Dayr az-Zawr), wo wir in einem Restaurant mit schneller Bedienung Hackfleischwürstchen vom Spieß ("kabab") in Fladenbrot aßen, nahmen wir uns die Ausgrabungsstätte Duro Europos (As-Sálihiyah) vor. Das Haupttor und der Westteil der über 8 m hohen Lehmmauer, die die Seleukiden im 3. Jh. v. Chr. um ihre Garnison errichteten, sind gut erhalten. Innerhalb der Mauern findet man Fundamente zahlreicher Tempel. Von der Zitadelle hatten wir einen schönen Blick über das Euphrattal. Im Hintergrund rauchten die Abfackelflammen der Ölfelder des Irak.
Unser Tagesziel Márí (Tell al-Harírí) erreichten wir gegen 16 Uhr bei herrlichem Sonnenschein. Nachdem wir unser ROTEL aufgebaut hatten, besichtigten wir die Ruinen der einst wichtigen mesopotamischen Stadt Márí. Vor 3.700 Jahren wurden die Lehmmauern des 25.000 m² großen Zimri-Lim-Palastes mit seinen 300 Zimmern errichtet. Heute wird er durch ein Dach vor Wind und Wetter geschützt. Er wurde im Jahre 1758 v. Chr. endgültig durch die Babylonier unter Hammurabi zerstört. Die Reste eines 5.000 Jahre alten Tempels zeugen von der einstigen Pracht des Stadtstaates Marí. Er lag an der Handelsroute, die Babylonien mit dem Mittelmeer verband. Auskunft über das Leben und die Geschäfte in der Königsstadt geben Tausende von hier gefundenen Lehmtafeln in Keilschrift. Modelle von den Ausgrabungen sind im Louvre zu Paris zu sehen. Am Abend gab es eine Kohlsuppe. Wir übernachteten im Hof eines Hadschis. Die 19-Jährige Tochter, eins von 11 Geschwistern, und deren Cousine backten Fladenbrot in einem Lehmofen. Zuerst werden trockene Baumwoll- oder Sesamstängel hineingesteckt und angezündet. Wenn die Ofenwand richtig heiß ist, schwingt man die Teigkugeln zu Fladen (wie Pizzateig). Dieser wird dann auf ein Kissen gegeben und an die Ofenwand geklatscht. Dort haftet der Fladen, bis er ausgebacken ist. Kurz bevor er von der Ofenwand abfällt, wird er abgenommen. Wir haben uns englisch, arabisch, deutsch und mittels Körpersprache recht gut mit den beiden unterhalten.

Bis zur Oase Palmyra, die auf halbem Wege zwischen dem Tal des Orontes (al-'Asi) und dem Euphrat (al-Furát) liegt, hatten wir einen sehr langen Fahrtag vor uns, sodass wir bereits um 6 Uhr morgens am Ostersamstag bei stark bewölktem Wetter abfuhren. Für einen Fotostopp am Euphrat ärgerte uns Karl und fuhr mitsamt Hänger haarscharf am Abgrund vorbei. Als wir später die Mamlúkenburg Qal'at Rabah von weitem fotografierten, ging Rudi kurz zu einem Bauernhof und kam mit zwei jungen Mädchen wieder, die uns frisch gemolkene Kuhmilch mitbrachten. Sie war noch warm und schmeckte eigenartig. Vor einer Grundschule unser nächster Fotostopp. Die Schüler bekommen in Syrien vom Staat kostenlos eine Schuluniform gestellt; in der Grundschule einen Kittel, im Gymnasium eine Uniform ähnlich einer Armeeuniform. Die Fahrt durch die Wüste war ein besonderes Erlebnis, denn es grünte und blühte, wohin das Auge auch blickte. Möglich machte dies das Wetterphänomen "El Niño". In den letzten Wochen hatte es mehr als genug geregnet, sodass die Pflanzen hier zu neuem Leben erwachten. Dadurch sahen wir unzählige Schafherden.
Kurz vor 11 Uhr kamen wir in Palmyra (Tadmur) an. Wir übernachteten im Hof des kolonialzeitlichen Hotels "Zenobia" gegenüber der Ausgrabungsstätte. Nach dem Aufbau des ROTELs schauten wir uns einen Teil der Stadt an, deren Aufstieg im 1. Jh. v. Chr. begann. Sie bildete nicht nur handelspolitisch - durch Palmyra verlief eine zeitlang die Haupthandelsroute zwischen Rom, China und Indien -, sondern auch kulturell und außenpolitisch ein Bindeglied zum Reich der Parther im heutigen Iran. Im 2. Jh. wurde Palmyra der Kontrolle Roms unterworfen. Die Stadt kam noch einmal zu Bekanntheit im 3. Jh., als Zenobia, Witwe eines aus Palmyra stammenden Gouverneurs, der Stadt in der Wüste bei einem ebenso dreisten wie erfolgreichen Aufstand gegen Rom half. Nach dem 7. Jh. versank die Oase endgültig in die historische Bedeutungslosigkeit. Direkt vor unserem Hotel steht der Baal-Shaamin-Tempel, ein kleiner, wunderschön restaurierter Tempel. Er war dem "Herrn der Himmel" geweiht und stammt aus dem 1. Jh. Baal Shamin war ein phönizischer Gott. Symbol des Shamin, des Beherrschers von Sonne und Mond, ist der Adler. Die Kolonnadenstraße erstreckt sich vom Triumphbogen aus mehr als 1 km weit nach Nordwesten. Hier liegen wichtige Gebäude wie die Dioklethiansthermen, der Nebo-Tempel aus dem 1. Jh. v. Chr., das Theater, die Agora, deren vier Säulenhallen einen Hof von 84 x 71 m umschließen, und der Tetrapylon. Jede der vier Pfeilergruppen stützen 150.000 kg solides Gestein. Eine Statue steht zwischen den Säulen auf jedem der vier Sockel, eine von ihnen Zenobia selbst. Das Monument markiert einen großen Schnittpunkt der Stadt. Von hier führt die Hauptstraße nach Nordwest, eine andere kleinere Säulenstraße führt südwestlich zur Agora.
Am Triumphbogen wartete Karl auf uns und fuhr uns zu den Grabtürmen. Palmyras Nekropole liegt in einem Tal im Südwesten. Wir besichtigten den Grabturm der Familie Elabel (2. Jh.). Die Beisetzung in solchen Türmen, in denen bis zu 200 Tote quasi in Regalen ihre letzte Ruhe fanden, war bis zum Ende des 1. Jh. Praxis. Man muss sich das so vorstellen: In einem großen Raum befinden sich links und rechts lauter Boxen - ähnlich dem Aufbau des ROTEL-Anhängers -, in die die Särge geschoben wurden. Ob der Höltl bei seiner Erfindung hier abgeguckt hat? Bei der Besichtigung folgten ein Grabhaus, das Grab Nr. 36, mit ähnlichen Einschüben, und ein Grabturm, in dem noch Knochen zu sehen sind. Ich bin nicht mit hineingeklettert, da ich mich vor ein paar Tagen an der Hand verletzt hatte und mich nicht aufstützen konnte. Das Grab al-Ikhwa at-Tláte ist ein Hypogäum. Zahlreiche Fresken schmücken die unterirdische Grabkammer, deren Nischen Platz für 300 Tote boten. Die unterirdischen Grabkammern lösten zu Beginn des 2. Jh. die Grabtürme ab.
Zurück auf dem Campingplatz kochte Karl eine Nudelsuppe und wir hatten Zeit, uns etwas zu erholen. Der Tag war sehr warm und schwül. Kurz nach 14 Uhr begannen wir eine große Wanderung durch die alte Stadt und zum Baal-Tempel. Baal ist eine semitische Gottheit, die später mit Zeus gleichgesetzt wurde. Der Innenhof des Tempels hat eine Fläche von mehr als 40.000 m². Im Zentrum steht der Sakralraum, wo neben Baal die lokale Sonnengottheit Yarhibol und die Mondgottheit Aglibol verehrt wurden, nördlich des Einganges der Opferaltar und südlich das Bassin für die Waschungen. Nachdem wir uns auf dem Campingplatz wieder erholt hatten, stieg Rudi mit Wanderlustigen auf den nahegelegenen Burgberg, den Qal'at Ibn Ma'án. Karl folgte mit den anderen im Bus. Wir wollten von oben den Sonnenuntergang über Palmyra genießen. Von der Festung aus dem 13. Jh. hat man eine herrliche Aussicht auf die Oase. Die Burg und das Ereignis waren ein Touristenmagnet. Es kamen immer mehr von der Sorte. Abends erhielten wir auf eigene Kosten ein Essen im Restaurant "Barbecue Oasis" nahe unseres Hotels. Am Buffet gab es die verschiedensten Salate, an denen wir uns satt essen konnten. Das Hauptgericht, "kusa mahshi" (mit Reis gefüllte Zucchini) war nur noch das i-Tüpfelchen.

Am nächsten Morgen ging es mir nicht sehr gut; ich hatte Durchfall bekommen. Zuerst schob ich ihn auf das Gemüse, das ich nicht vertragen hätte. Aber es war Wassermangel. Ich hatte am letzten Tag einfach für die Hitze zu wenig Wasser getrunken. Wir hatten bei der Abfahrt um 7 Uhr 14 °C und leicht bewölktes Wetter, das sich langsam besserte. Durch die Wüste ging es weiter bis nach Damaskus, wo wir auf dem Campingplatz einen kleinen Zwischenstopp zum Ostereiersuchen einlegten. Schließlich war Ostersonntag. Und Rudi hatte gefärbte Eier bereit gestellt, für jeden 2 Stück.zum Anfang zurück

Damaskus - Amman/Jordanien

Inzwischen war es sehr heiß und wolkenlos. Mir ging es nach 2 Elektrolytlösungen, wenig Essen, aber viel Trinken wieder besser. Um 10.30 Uhr brachen wir auf in Richtung jordanische Grenze. Wir wollten am Abend in Amman sein. In Shahbá wurde einst Philippus Arabs, römischer Kaiser von 244 bis 249, geboren. Der Ort wird überragt von einem pechschwarzen Vulkankegel. Westlich gekleidete Frauen, kaum Schleier, dafür Männer mit riesigen Schnurrbärten - Shahbá ist fast nur von Drusen bewohnt. Wir gingen auf der teilweise intakten römischen Straße, die 4 schwarze Säulen auf der rechten Seite säumen, zu dem kleinen römischen Theater. Fotostopp bei einem Soldatenfriedhof zwischen Suwaidá (As-Suwaydá) und Bosrá. Inmitten der schwarzen Basaltlandschaft des südlichen Hauran liegen die Ruinen von Bosrá (Busrá ash Shám). Die Trümmer der antiken Stadt befinden sich auf einem Untergrund aus Vulkanfels im fruchtbaren Tal des Flusses Nukru. Die Stadt war wichtiges Handelszentrum und 200 Jahre lang unter der Kontrolle der Nabatäer. Als Hauptstadt des nabatäischen Reiches war Bosra die Nachfolgerin der altberühmten Felsenstadt Petra im heutigen Jordanien, die wir später kennenlernen sollten. Besichtigung des Wasserspeichers und des Basalttheaters. Bis Ende der vierziger Jahre war der gesamte Zuschauerraum bis zum Rand zugeschüttet und überbaut. Deshalb präsentiert sich das Theater heute von innen und außen in einem unglaublich guten Erhaltungszustand. 37 noch intakte Sitzreihen boten 15.000 Zuschauern unter Schatten spendenden Stoffbahnen Platz. Das früher mit Holz überdachte Bühnengebäude ist in seiner ganzen Höhe erhalten.

An der Grenze zu Jordanien benötigten wir dreiviertel Stunden. Die Ausreise aus Syrien ging schnell. Während Rudi die Visa einholte, sonnten wir uns im Niemandsland. Es war sehr heiß geworden. Vom Bus aus beobachteten wir später die brutale Behandlung von gehorsamverweigernden Rekruten der jordanischen Armee. Bei brütender Hitze musste einer halbnackt von einer Seite zur anderen robben und wurde mit einer Peitsche geschlagen. Während dessen schwitzten sich seine Kameraden still stehend sicher fast zu Tode. zum Anfang zurück

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